Rufen die beiden Töchter Anna (1) und Zora (4) ihren Vater, dann nennen sie ihn mal Papi und mal Tobias. «Das hat sich zufällig so ergeben. Meine Töchter nutzen die Anreden im Alltag gleichwertig. Deshalb reagiere ich auf beides», sagt Tobias (36) aus Basel.

Ein Einzelfall? Oder nennen immer mehr Kinder ihre Eltern beim Vornamen? Auf Familienblogs diskutieren Mütter und Väter das Thema zurzeit rege. So schreibt Nicole: «Ich würde es nicht wollen, dass unsere Kinder uns mit dem Vornamen ansprechen. Mami und Papi sind einzigartig. Jedes Kind hat sie nur ein Mal.» Und Kira meint: «Ich hätte ein sehr eigenartiges Gefühl, wenn mich mein Sohn bei meinem Vornamen rufen würde. Unser Sohn nennt uns ‹Mami› und ‹Papi›, und ich bin glücklich darüber.»

Untersucht, wie Kinder in der Schweiz ihre Eltern anreden, hat Helen Christen. Sie ist Professorin für germanistische Linguistik an der Universität Freiburg und Spezialistin, wenn es um die Erforschung der hiesigen Sprache geht. Um herauszufinden, ob Vornamen bald die Worte Mami und Papi ablösen, befragte sie mehr als 300 Schüler und Lehrpersonen.

Ihr Fazit: Die in den 1968er-Jahren aufgekommene Vornamen-Anrede setzt sich nicht durch. Im Gegenteil. Gerade bei jungen Eltern ist die Rollenbezeichnung Mutter und Vater stabil. «In weniger als 5 Prozent der Familien nennen Kinder ihre Eltern beim Vornamen», sagt Christen.

Feststellbar ist allerdings eine Veränderung bei den Anredeformen Mutter und Vater. Während Anfang des 20. Jahrhunderts Kinder ihre Eltern vor allem Mueter und Vater riefen, kamen in den 1940er- und 1950er-Jahren die Anreden Mueti und Vati auf. Rund 30 Jahre später wurden diese Anreden wiederum durch Mami und Papi abgelöst. «Und jetzt ist Mamma und Papa oder Papi im Trend», sagt Christen (siehe Grafik). Spannend zu sehen sei, wie die verschiedenen Formen in Wellen von grossen Teilen der Bevölkerung übernommen würden. «Auch wenn jede Familie das Gefühl habe, sie lege individuell fest, wie die Anreden sind, so gibt es gesellschaftlich dominierte Trends, welche die einzelnen Familien aufgreifen und gleichzeitig mitbegründen», sagt die Sprachforscherin.

Fast ausgestorben ist, dass Kinder ihre Eltern ihrzen. Also sagen: «Mueter chömed go luege.» Vor allem in gehobenen Gesellschaftsschichten kam dies früher häufig vor. Danach wurde diese Form in ländlichen Gebieten übernommen, während sich die städtischen Kreise gleichzeitig dem Du zuzuwenden begannen. Noch heute kommt es aber in gewissen Westschweizer Familien vor, dass Kinder ihre Eltern mit «vous» ansprechen. Verbreitet ist in der Westschweiz auch, dass Schwiegertöchter und -söhne ihre Schwiegereltern siezen.

Dafür hat sich in der Deutschschweiz durchgesetzt, dass Schwiegereltern mit dem Vornamen gerufen werden. Früher übernahmen die Schwiegertöchter und -söhne die Elternanreden ihrer Ehepartner und nannten ihre Schwiegereltern etwa Mueti oder Vati. «Dieser Wandel hängt damit zusammen, dass junge Erwachsene ihre Freundinnen und Freunde bereits ohne Heiratsabsichten der Familie vorstellen. Dadurch hat sich bis zur Heirat der Vorname der Schwiegereltern etabliert.»

Verändert hat sich auch, wie sich Eltern untereinander nennen. Während sich Paare früher Mueti und Vati sagten, also aus der Perspektive der Kinder zueinander gesprochen haben, nennen sich heute die meisten beim Vornamen. Tobias ist überzeugt: «Mich beim Vornamen zu rufen, haben meine Töchter wahrscheinlich von meiner Frau abgeschaut. Sie ruft mich Tobias.»

Wie verpönt es für viele heute ist, seine Frau Mueter zu nennen, zeigt sich am Blog-Eintrag von Marie: «Ich würde meinen Mann niemals als Papi anreden. Ich sage nur zu den Kids: ‹Gang zum Papi.› Direkt spreche ich meinen Mann immer mit dem Vornamen an oder manchmal mit dem Kosenamen, was die Kids immer lustig finden.»

Kosenamen gerade auch für Eltern sind jedoch ein neueres Phänomen. «Heute ist zu beobachten, dass in der Pubertät Kinder ihre Eltern mit verschiedenen Namen ansprechen und sie für die Eltern auch Spitznamen erfinden», sagt Christen. Dadurch könne es sein, dass sich später ein anderer Name für Eltern durchsetzt. Das sei früher deutlich seltener vorgekommen.

Doch wie werden sich die Rollenbezeichnungen innerhalb der Familie künftig verändern? Was kommt als Nächstes: Mam und Dad? «Kinder reden wohl auch in Zukunft ihre blutsverwandten oder Adoptiv-Eltern mit einer Form an, welche die Familienrolle deutlich macht», sagt Christen.

Sie hält es für eher unwahrscheinlich, dass sich der Vorname durchsetzen wird – auch wenn gerade in Patchworkfamilien die Vornamen für den nicht verwandten Elternteil gebraucht werden. «Das exklusive Verhältnis zwischen Eltern und Kindern wird mit einer exklusiven Anrede bedacht oder umgekehrt. Mit der exklusiven Anrede wird die Elternrolle zu einer exklusiven gemacht», sagt Christen.

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