Die Bilder gingen um die Welt und lösten Entsetzen aus. Hunderte von syrischen Flüchtlingen, eingepfercht im Frachtraum der «Blue Sky M», seien von der Besatzung verlassen worden und drohten an der süditalienischen Küste zu zerschellen. Dies berichteten die Medien Anfang Januar. Die europäische Grenzschutzbehörde Frontex, bei der auch die Schweiz mitmacht, sah eine neue «Dimension der Grausamkeit» erreicht. Europaweit äusserten sich Politiker schockiert über die menschenverachtenden Methoden der Schlepper. Das vermeintliche Drama bewegte auch Bundesbern. Selbst rechte Politiker aus der SVP forderten darauf, die Schweiz müsse nun mehr für Flüchtlinge aus Syrien tun.

Doch jetzt deckte eine Recherche des ARD-Politmagazins «Panorama» am Donnerstag auf: Nichts davon ist wahr und es stellt sich ganz anders dar, als von Frontex beschrieben. Die «Blue Sky M» war zu keinem Zeitpunkt ein Geisterschiff. Die Besatzung hat das Schiff nie im Stich gelassen. Die Mannschaft bestand aus professionellen syrischen Seeleuten, die ihr berufliches Können genutzt haben, um sich und die Passagiere vor dem Krieg in Sicherheit zu bringen. Kommt hinzu: Es bestand nie die Gefahr, dass der Frachter an der italienischen Küste zerschellt und die rund 750 Flüchtlinge dem Tod geweiht waren. Dazu galt das Schiff ohne Einschränkungen als seetauglich. Die entsprechenden Prüfungsdokumente sind im Internet öffentlich einsehbar.

All diese Fakten bestätigte der in diesem Fall ermittelnde italienische Staatsanwalt Guglielmo Cataldi gegenüber «Panorama». Übrig von der vermeintlich neuen Eskalation von Grausamkeiten im Geschäft mit den Flüchtlingen bleibt nur, dass es sich bei «Blue Sky M» um ein Schlepperschiff handelte.

Unter Druck kommt jetzt Frontex. Sie war massgeblich an der falschen Berichterstattung um den Frachter beteiligt. Zudem haben Politiker und Medien die an falscher Propaganda grenzenden Aussagen von Frontex unbesehen übernommen. Offensichtlich wollen sie laut «Panorama» die Verantwortung für den Tod vieler Flüchtlinge von sich weisen, die Schuld den Schleusern zuschieben.

Das sieht auch AZ-Chefredaktor Christian Dorer so. In seinem Wochenartikel von gestern Samstag zu den Flüchtlingsdramen vor der italienischen Küste schrieb er: «Die Frontex macht das absolute Minimum, patrouilliert nur nahe der italienischen Küste und kümmert sich nicht um die Dramen, die sich auf dem offenen Meer abspielen. So kommen zwar tatsächlich weniger Flüchtlinge an, aber es sterben viel mehr.»

Dazu passt, dass Frontex-Sprecherin Ewa Moncure trotz der durch «Panorama» aufgedeckten Fakten keine Veranlassung sieht, ihre Informationspolitik zu überdenken und die Falschbehauptungen zu korrigieren.

Link zum TV-Bericht: http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2015/Fuehrungsloses-Fluechtlingsschiff-Wie-Frontex-die-Wahrheit-verdreht-,schleuser164.html

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