Zweitwohnungen seien «besonders unsinnig, denn sie stehen fast immer leer». Mit diesem Argument kämpften der Umweltschützer Franz Weber, seine Frau Judith und ihre Tochter Vera vor zwei Jahren erfolgreich für ihre Volksinitiative «Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen».

Doch die Familie Weber produziert selber viele kalte Betten. Das historische Grandhotel Giessbach am Brienzersee, das Franz Weber 1983 vor dem drohenden Abriss gerettet hat, ist «von Mitte Oktober bis Mitte April im Winterschlaf», wie die Betreiber auf ihrer Website schreiben. Somit ist das Hotel sechs Monate im Jahr in Betrieb, während der übrigen Zeit bleiben die Betten kalt.

Im Personalhaus hinter dem Hotel verfügen die Webers über eine 110 Quadratmeter grosse Vierzimmerwohnung, die der von ihnen gegründeten, steuerbefreiten Stiftung «Giessbach dem Schweizervolk» gehört. Sie können sie gratis nutzen, was sie nach eigenen Angaben nicht allzu oft tun.

«Wir sind jeweils am Aktionärsball dort», sagt Judith Weber. Der Ball findet einmal jährlich statt. Tochter Vera geht gemäss ihrer Mutter «ab und zu» hin und nutzt die Wohnung als Absteige, wenn sie an Sitzungen des von ihr präsidierten Verwaltungsrats der Parkhotel Giessbach AG teilnimmt. «Wir benützen die Wohnung, um nicht im Hotel übernachten zu müssen», sagt Judith Weber. «Das ist keine Ferienwohnung. Sie ist spartanisch eingerichtet. Wir könnten sie niemandem anbieten oder höchstens Leuten mit einfachen Ansprüchen.»

An bester Lage in Paris gehört Franz Weber seit seiner Journalistenzeit eine 35 Quadratmeter grosse Zweizimmerwohnung, wie er bestätigt. Sie liegt auf dem Montmartre-Hügel, unweit der weltbekannten Kirche Sacré Cœur. Er sei «fast jeden Monat einmal» in Paris, sagt Franz Weber. Noch weniger gut genutzt ist das familieneigene Ferienhaus im mittelalterlichen Dorf Gordes in der Provence, das der Familie seit mehr als zwanzig Jahren gehört. «Ich bin ab und zu dort für zwei Tage», sagt Judith Weber. Das Haus werde «ab und zu» auch von Verwandten oder Freunden genutzt.

Franz Weber ist nach eigenen Angaben fast nie in Gordes, obwohl er das Domizil auch schon zur «Kampfwohnung» erklärte, das ihm für seine Kampagnen zum Schutz bedrohter Landschaften und historischer Bauten in Südfrankreich diene.

Ihren Erstwohnsitz haben Franz und Judith Weber in Clarens, einem Quartier der Stadt Montreux. Dort bewohnen sie eine geräumige Villa direkt am Genfersee. Wenige Kilometer davon entfernt befindet sich die vierte Wohnung, welche die Webers gelegentlich benützen. In Territet oberhalb von Montreux gehört ihrer Stiftung eine Dreizimmerwohnung in einem Mehrfamilienhaus. «Die ist ab und zu genutzt», sagt Judith Weber. «Wir können dort Besucher oder Leute, die für die Stiftung arbeiten, einquartieren. Ein Hotel wäre teurer.» Im letzten Jahr war die Wohnung nach ihren Angaben «fast immer» genutzt, in diesem Jahr erst «ein- bis drei-mal für ein paar Tage».

Auf die Frage, ob der Besitz mehrerer Zweitwohnungen nicht im Widerspruch stehe zum Kampf gegen neue und leere Zweitwohnungen, reagiert Judith Weber verärgert. «Das sind böswillige, stupide, sinnlose Anwürfe. Wir haben nichts dagegen, dass jemand ein zweites Haus hat. Unser Kampf ist nicht ein Kampf gegen kalte Betten, sondern gegen die masslose Überbauung der Schweiz mit immer neuen Zweitwohnungen, die dann doch leer stehen.»

Doch das stimmt so nicht. In ihrer Abstimmungskampagne zur Zweitwohnungsinitiative machten die Fondation Franz Weber und ihre Organisation Helvetia Nostra, die seit der Annahme der Initiative systematisch gegen Bauten in Gemeinden mit einem Zweitwohnungsanteil von über 20 Prozent Einspruch erhebt, Stimmung gegen kalte Betten. Sie beklagten beispielsweise «ein Meer von Zweitwohnungen, die die meiste Zeit des Jahres leer stehen».

Die Webers machen aber einen feinen Unterschied zwischen neuen Zweitwohnungen, die sie als schlecht erachten, und bestehenden Ferienhäusern. Damit stehen sie auf der guten Seite, denn Judith Weber sagt: «An keinem Ort nützen wir neue Häuser, sondern immer bestehende Gebäude.» Das Haus in Gordes zum Beispiel sei nicht neu, sondern mehrere hundert Jahre alt.

Franz Weber verteidigt den Besitz mehrerer Zweitwohnungen sogar mit dem Argument, diese dienten dem Umweltschutz: «Wir brauchen diese Wohnungen zum Arbeiten. Wir haben sie nicht aus Selbstinteresse, sondern wir brauchen sie für unseren Kampf für den Landschaftsschutz. Sie sind ein Zentrum, um in aller Ruhe Ideen zu studieren und Kampagnen vorzubereiten. In einem Hotelzimmer könnte man das nicht gleichermassen machen.»

Der Besitz von Zweitwohnungen, um andere Zweitwohnungen zu bekämpfen, sozusagen.

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