Von Tobias Keller* aus Västervik

Für die meisten Schweizer ist Schweden das Land von Ikea, endlosen Wäldern, schönen Blondinen, Elchen und wohltemperierter Popmusik. Das Land gilt vielen als Vorbild für seine Errungenschaften in der Familien- und Sozialpolitik – und für seinen Umgang mit Flüchtlingen. Tatsächlich ist den Schweden das Verständnis, dass Integration – in welchem Ausmass auch immer – ohne soziale Probleme möglich sein muss, über Generationen eingeprägt worden. Man hilft, und das eigentlich schon immer. ABBA stehen mit ihrem UNO-Engagement mit dem Song «Chiquitita» seit 1979 für die Selbstverständlichkeit, mit der die schwedische Gesellschaft bisher geholfen hat.

Auch in der aktuellen Flüchtlingskrise hat kein anders Land im Verhältnis zur Bevölkerungszahl so viele Asylbewerber aufgenommen wie Schweden. Doch in den vergangenen Wochen zeigte sich mehr und mehr: Selbst Schweden kommt an seine Grenzen. Die Fassade bröckelt, und auch den Schweden wird klar: Vieles war mehr Schein als Sein.

Zur Fassade gehört die Art und Weise der politischen Debatten. Sie sind, anders als in der Schweiz, von Vorsicht und Korrektheit geprägt. Handelt es sich um Ausländer, Einwanderer, Bettler oder Flüchtlinge, ist die Terminologie weichgespült. Nur nichts Falsches sagen! Viele Schweden reden nur in den eigenen vier Wänden offen. Wer sich in der Öffentlichkeit «ungeschickt» ausdrückt, erntet entsetzte Blicke. Das geht so weit, dass in den Medien nicht von Ausländern die Rede ist, sondern von «im Ausland Geborenen». Die Bettler aus Rumänien und Bulgarien, die sich vor jedem Geschäft in Stellung bringen, sind «EU-Migranten».

Weil die Rassismuskeule sofort auf sie niederschlagen könnte, haben sich die Schweden daran gewöhnt, sich zurückzuhalten. Sie sind zu gut trainierten sprachlichen Gutmenschen geworden.

Im Land mit rund 9,8 Millionen Einwohnern sind dieses Jahr schon 105 000 Flüchtlinge angekommen (zum Vergleich: In der Schweiz mit 8 Millionen Einwohnern sind es rund 25 000). Bis Ende des nächsten Jahres rechnet das Migrationsamt mit gesamthaft 360 000 Asylsuchenden. Noch immer ist jedoch aus der Regierungszentrale das Mantra von Toleranz und der Tradition des Landes zu hören. Dabei ist das Dach der Regierung von Stefan Löfven im Vollbrand. Viele Schweden haben genug, und sie haben Angst: Vor Jobverlust, sozialem Abstieg und Armut. Das Gesellschaftsmodell des Gutmenschen steht nicht nur auf der Probe, sondern am Abgrund.

Innerhalb der letzten zehn Tage haben in Schweden 7 Asylunterkünfte gebrannt. Im ganzen Oktober waren es 13 und seit Anfang 2015 rund 25, wovon 18 Brände laut Polizei vorsätzlich gelegt wurden. Da werden die Aufrufe zu Toleranz und Willkommenskultur beim Abfüllen der Brandsätze schon längst nicht mehr gehört. Die hinterhältigen Anschläge sind Ausdruck einer tiefen Frustration in der Gesellschaft, die bestimmt nicht über Nacht entstanden ist. Schon letztes Jahr sorgten Ausschreitungen in Stockholms Ausländervierteln für Schlagzeilen und beunruhigten die Einheimischen. Schwedens Grossstädte haben mit einer Gettoisierung zu kämpfen, wie man sie in Frankreich schon länger kennt.

Das Credo bei der staatlichen Kriminalstatistik lautet: möglichst niemanden über seine Herkunft herabsetzen. Woher die Verbrecher kommen, will der Staat nicht bekanntgeben. Bei den Wahlen 2014 sind die rechten Schwedendemokraten, unter anderem mit der Forderung nach mehr Transparenz in der Kriminalstatistik, mit rund 15 Prozent zur ernsthaften Kraft geworden.

Diskussionen über Chancen und Risiken der Einwanderung, wie sie in der Schweiz normal sind, wagt in Schweden kaum einer zu führen. Es droht die Schubladisierung zum Rassisten und die darauffolgende gesellschaftliche Isolation. Da macht man lieber die Faust im Sack. So entsteht der perfekte Nährboden für Protestwähler und politische Schlangenfänger. Das führt zu Schwert-Attacken (wie in Trollhättan) und zu den Bränden. Schweden fehlt ein gesundes Ventil.

Zu abgeschliffen, zu ähnlich sind die Parteien von Links bis zur Mitte. Zu billig sind die Erklärungsversuche von Presse und Politik, welche die Vorbilder der feigen Brandstifter teilweise in Deutschland ausmachen und die Ursache nach Süden abschieben.

Es ist unübersehbar geworden: Das System der unbegrenzten Zuwanderung ist gescheitert. Und doch: Während die Asylunterkünfte brennen, werden gewisse Medien nicht müde, über Schulklassen zu berichten, welche die Flüchtlinge willkommen heissen, oder Seniorengruppen zu porträtieren, die sich als Mentoren den Flüchtlingen zur Seite stellen. Das letzte Aufbäumen des gesellschaftlichen Gutmenschentums.

Die Massen bewegt und erregt, dass sich ein Bus voller Syrer im Bundesland Dalarna heute vor einer Woche weigerte, auszusteigen. In das zur Asylunterkunft umfunktionierte Feriendorf in Lima wollten die Flüchtlinge partout nicht einziehen und veranstalteten einen Sitzstreik. Im schwedischen Fernsehen verkündeten die Meinungsführer der Gruppe, es sei ihnen hier zu kalt und zu lange dunkel. Die Sitzstreikenden wollten mit dem Bus nach Deutschland zurückgefahren werden. Das war nun auch für die sonst ruhigen Schweden zu viel. Die von den Flüchtlingen kritisierten Lebensumstände sind hierzulande ganz einfach normal, und die zur Verfügung gestellten Unterkünfte mieten Touristen im Sommer für teures Geld. «Was wollen die eigentlich hier?» war oft zu hören in dieser Woche. Das wirkt hierzulande wie eine Eruption. Die Anspruchshaltung der Flüchtlinge empfinden viele als schamlos und arrogant, denn es ist nicht das erste Mal, dass Unterkünfte den Vorstellungen der Schutzsuchenden nicht genügen. Dies, obwohl die Gemeinden grosszügig die Türen ihrer Ferienanlagen öffnen. Auch in Västervik wohnen über den Winter Flüchtlinge dort, wo sich im Sommer noch Touristen einmieteten.

Von der verzweifelten Suche nach Asylunterkünften profitieren im Moment in Schweden vor allem private Anbieter wie der ehemalige Rechtsaussen-Politiker und Ex-TV-Moderator Bert Karlsson. Der in Schweden als «Skara-Bert» wie ein bunter Hund bekannte Unternehmer betreibt über 30 Asylunterkünfte und soll dieses Jahr schon über 100 Millionen Kronen vom Staat kassiert haben. Dass sich der ehemalige Reichstagsabgeordnete der rechtspopulistischen «Ny Demokratie» jetzt mit dem Unterbringen von Asylanten eine goldene Nase verdient, kommt nicht überall gut an.

Seit einiger Zeit sorgen zudem Zahlen des kurdischstämmigen Ökonomen Tino Sanandaji für Aufsehen. Diese werfen lange Schatten über die schwedische Willkommenspolitik der letzten zwei Jahrzehnte. Gemäss Sanandajis Untersuchungen haben 48 Prozent der Einwanderer im arbeitsfähigen Alter keinen Job. Nach 15 Jahren in der neuen Heimat kommen die Einwanderer auf einen Beschäftigungsgrad von nur 60 Prozent. Zudem sind die aufgenommenen Flüchtlinge für 42 Prozent der Langzeitarbeitslosen und 58 Prozent der bezogenen Sozialhilfegelder verantwortlich. Rund die Hälfte der Kinder mit den tiefsten schulischen Leistungen sind Einwandererkinder.

Neben diesen nüchternen Fakten weisen die Feuerscheine der brennenden Asylunterkünfte Schweden brutal den Weg zu einem entspannteren Umgang mit Kritik an der Einwanderung. Dies muss zwangsläufig zu einer Erkenntnis führen, die sehr schmerzhaft sein wird. Auch eine noch so glatt gebügelte politisch korrekte Sprache macht auf alle Zeit keine gute Gesellschaft.

* Tobias Keller, 43, arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist, u. a. für Radio 24 und «HandelsZeitung». Seit 2014 lebt und arbeitet er in Schweden.

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