Die Aufregung war gross, als sieben junge Soldaten der Schweizer Armee im April mit der albanischen Doppeladler-Flagge posierten. Von Sicherheits- und Loyalitätsproblemen war die Rede. Der Aufschrei könnte umsonst gewesen sein. Eine neue Untersuchung des Militärsoziologen Tibor Szvircsev Tresch von der Militärakademie der ETH Zürich belegt: Secondo-Rekruten sind motivierter und leistungsbereiter als jene ohne Migrationshintergrund. Sie sehen das Militär als persönliche und berufliche Chance.

6700 Rekruten und 70 Rekrutinnen sind am Montag in die Sommer-Rekrutenschule (RS) eingerückt. Die Zahl der Secondos hat in den vergangenen Jahren laufend zugenommen. Heute verfügt jeder dritte Rekrut über einen Migrationshintergrund, hat also mindestens einen ausländischen Elternteil. Diese Entwicklung birgt Zündstoff – nicht nur, wenn sie in Uniform mit Flaggen ihrer alten Heimat posieren. Gemäss der Studie «Sicherheit 2014» glauben rund drei von zehn Befragten, dass Soldaten ohne Migrationshintergrund eher bereit seien, die Schweiz im Ernstfall zu verteidigen. Und 13 Prozent finden, dass es «für unsere Sicherheit besser» wäre, würden Secondos nicht in der Armee dienen.

Begründet ist diese Sorge kaum. Secondos sind mindestens gleich gute Soldaten, zeigt die Untersuchung Szvircsev Treschs. Er befragte über 1200 Rekruten nach der 2., der 5. und der 18. Woche im Militär. Dabei zeigt sich, dass die Leistungsbereitschaft und Motivation der Secondo-Rekruten während der ganzen Ausbildung durchweg höher bleibt, als bei den gebürtigen Schweizern.

Noch grösser wird der Unterschied, wenn es um den freiwilligen Dienst geht. 17 Prozent der Soldaten mit ausländischen Wurzeln können sich am Ende der RS vorstellen weiterzumachen. Bei den gebürtigen Schweizern sind es 13 Prozent. Statistisch signifikant ist auch die Differenz bei den Zeitmilitärs: Für 16 Prozent der Secondo-Rekruten ist das eine Option. «Sie erhoffen sich dadurch wohl bessere Chancen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt», sagt Studienleiter Szvircsev Tresch. Wohl zu Recht: «Wenn Bewerber mit Migrationshintergrund in der Armee dienten, kann dies Vorbehalte abbauen.» Einen weiteren Grund für die hohe Leistungsbereitschaft der Secondos sieht Szvircsev Tresch darin, dass in anderen Ländern wie der Türkei oder in den neuen Staaten von Ex-Jugoslawien noch immer gelte: Wer etwas erreichen will, macht Karriere im Militär. Die Armee als Statussymbol und sicherer Arbeitgeber.

Der neue Bericht zeigt in den Augen der Schweizer Armee, dass sie als Institution zur Integration beitrage. Jeder dritte Secondo-Rekrut fühlt sich laut der Studie nach der RS schweizerischer und von der Gesellschaft bessert akzeptiert. Und auch das Interesse an der Kultur und den Eigenheiten des Landes nehme zu. «Das Tragen der Armeeuniform erfüllt daher viele mit einem gewissen Stolz», sagt der Forscher.

Die höhere Bereitschaft der Secondos zum Dienst bewahrt die Armee indes nicht vor personellen Engpässen. Um genügend Offiziere zu rekrutieren, ist die Armeeführung darauf angewiesen, dass 25 Prozent der Soldaten weitermachen.

Auch ausserhalb der Armee scheinen sich die Schweizer mit Migrationshintergrund als mindestens ebenso gute Bürger zu erweisen. Die Politologin Andrea Schlenker, die an der Universität Luzern forscht, hat erstmals die Einstellungen von Doppelbürgern in der Schweiz untersucht. In ihrer vom Nationalfonds finanzierten Studie, die in diesen Tagen in der «European Political Science Review» erscheint, kommt sie zum Schluss: Schweizer, die mehr als einen Pass haben, fühlen sich dem Land nicht weniger verbunden als Personen, die nur den roten Pass haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Befragten ursprünglich Deutsche, Italiener oder Kosovaren waren. Die Identifikation mit der neuen Heimat erweist sich auch dann als stark, wenn die emotionale Verbindung zum Herkunftsland intakt ist.

Untersucht hat Schlenker, die mit Forschungskollegen insgesamt 1764 Personen befragen liess, auch die politische Teilnahme. Dabei zeigte sich, dass sich Doppelbürger kaum von Schweizern mit einem Pass unterscheiden. 66 Prozent der Befragten gaben an, sich an den letzten nationalen Wahlen beteiligt zu haben – bei Schweizer Einfachbürgern waren es 61 Prozent. Auch wenn solche Selbsteinschätzungen mit Vorsicht zu geniessen sind, scheint das politische Interesse an der Schweiz bei vielen Ausländern eine Rolle zu spielen, besonders bei den Deutschen: 81 Prozent von ihnen gaben den Wunsch nach politischer Teilnahme als Grund an, weshalb sie sich einbürgern lassen wollten.

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