Das Fest wird riesig, wenn Anfang Juni der Gotthard-Basistunnel eröffnet wird. Angela Merkel und François Hollande haben ihr Kommen ebenso angekündigt wie Matteo Renzi. Die Zeitvorteile, welche das Jahrhundert-Bauwerk den Reisenden bringt, werden hingegen immer kleiner.

Als im Jahr 1992 über die Neat abgestimmt wurde, schwebte dem Bundesrat eine Reisezeit von zwei Stunden zwischen Zürich und Mailand vor. So stand es im Abstimmungsbüchlein. Mit den Jahren wurde diese Prognose obsolet: Als Anfang der Nuller Jahre klar wurde, dass die Neat in einer abgespeckten Version realisiert wird, war die Rede von einer Ziel-Reisezeit von 2 Stunden und 40 Minuten. Im Jahr 2012 entschieden die SBB dann, für die Neat neue Züge ohne Neigetechnik zu beschaffen. Das verlängerte die Reisezeit erneut. 2014 wurde die Prognose von 2 Stunden und 58 Minuten bekannt gegeben. Vor einer Woche nun die neusten Zahlen: In 3 Stunden und 3 Minuten sollen die beiden Zentren in Zukunft miteinander verbunden werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2004 wurde die Strecke in 3 Stunden und 36 Minuten zurückgelegt – mit Neigezügen und über die alte Bergstrecke.

Die Zeitgewinne werden erst ab Ende 2020 voll zum Tragen kommen. Dann ist neben dem Gotthard-Basistunnel auch der Ceneri-Basistunnel eröffnet, und die Sanierungsarbeiten an der Axen-Strecke und die Bauarbeiten am Zugersee werden zu Ende geführt sein. Letztere sollten eigentlich nächstes Jahr beginnen, Sperrung am Zugersee inklusive. Doch daraus wird wegen Einsprachen nichts.

Fahrplan soll stabiler werden
Wie die «Eisenbahn-Revue» schreibt, wird der schnellste Zug für die Strecke Zürich-Lugano nächstes Jahr 2 Stunden und 10 Minuten benötigen – ein Zeitgewinn von 31 Minuten gegenüber heute. Noch 2014 waren für dieses Szenario Zeitgewinne von knapp 40 Minuten vorgesehen. Dass daraus nichts wird, liegt am zurzeit schlecht laufenden Betrieb am Gotthard: Die SBB bauen in den Fahrplan zusätzliche Reserve-Minuten ein. Damit soll die Pünktlichkeit erhöht und der Betrieb stabiler werden. Der Kniff kommt den Nord-Süd-Reisenden bekannt vor: Bereits im Fahrplan 2014 verlängerten die SBB die Fahrzeit der Eurocity-Züge nach Italien um 20 Minuten. Wenn die Zugersee-Arbeiten voraussichtlich 2018 starten, wird die Reisezeit zwischen Zürich und Lugano wieder leicht steigen, bevor sie Ende 2020 auf 1 Stunde und 53 Minuten sinken soll – deutlich mehr als die noch 2010 kommunizierte Zeit von 1 Stunde und 40 Minuten.

Auf der Gotthard-Achse fahren die Züge derzeit so unzuverlässig wie schon lange nicht mehr. Die neuen Neigezüge führen die unrühmliche Tradition der Pannen-Pendolinos fort, Baustellen und Probleme mit dem neuen Zugsicherungssystem ETCS 2 verschärften zuletzt die Lage zusätzlich. Und immer noch verlassen sieben Prozent der Eurocity-Züge den Bahnhof Milano mit mehr als 15 Minuten Verspätung in Richtung Schweiz. Die Fahrzeiten auf der Nord-Süd-Achse hätten sich in den vergangenen Jahren aus verschiedenen Gründen geändert, sagt SBB-Sprecher Reto Schärli. Dazu gehören Änderungen am Betriebskonzept des Basistunnels, zusätzliche Reserveminuten oder neue Regional-Züge auf der Strecke, welche ebenfalls Kapazität wegfressen.

Mailand bleibt das Sorgenkind
Schwierig präsentiert sich die Situation nach wie vor bei der Einfahrt in Milano Centrale. Die Italiener behandeln die Züge aus der Schweiz nicht prioritär, oft genug bummeln sie hinter Regionalbahnen durch die Lombardei und verpassen so die rechtzeitige Einfahrt in den dicht belegten Eisenbahnknoten in Mailand.

Die Pünktlichkeit habe sich mittlerweile verbessert, heisst es bei der italienischen Bahn (FS). Im ersten Quartal seien die von den FS verursachten Verspätungen auf dieser Achse gegenüber Vorjahr um sieben Prozent zurückgegangen. Und mit den SBB arbeite man daran, Konflikte mit den Regionalzügen zu verringern und die Stabilität zu verbessern – dringend nötig, wenn die Bahn nachhaltig attraktiver werden soll.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper