Es beginnt mit leichter Orientierungslosigkeit. Mit der verzweifelten Suche nach einzelnen Wörtern, den Autoschlüsseln, der Brille. Nach und nach, ohne Chance auf Heilung, geht bis auf die ältesten Erinnerungen alles vergessen. 135 000 Menschen leiden in der Schweiz an Demenz. 10 Prozent mehr als noch 2014. Die meisten haben Alzheimer, die häufigste Form der Krankheit. Das zeigen neuste Zahlen von Alzheimer’s Disease International (ADI). Der ADI ist ein internationaler Zusammenschluss von Alzheimer-Verbänden.

Der Direktor, Marc Wortmann, war diese Woche in Genf bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ein Grund für seinen Besuch: Demenz wird zur grössten medizinischen Herausforderung – auch hierzulande. Die Schweiz hat eine stark alternde Bevölkerung und dadurch eine sehr hohe Zahl an Demenzkranken. Infolge des demografischen Wandels werden 2030 rund 200 000 Menschen mit Demenz hier leben, im Jahr 2050 rund 300 000. «Alzheimer wird uns künftig stärker beschäftigen als sonst eine Krankheit», sagt Wortmann.

Das Risiko, an Demenz zu erkranken, liegt heute bei eins zu fünf. Alzheimer kann bereits ab dem 30. Lebensjahr auftreten, die Häufigkeit steigt jedoch mit dem Alter stark an. Nach wie vor gilt die Krankheit als Schreckgespenst – auch weil sie äusserlich nicht sichtbar ist. Bei der 1906 entdeckten Erkrankung sterben Hirnzellen ab. Als Folge verändert sich das Wesen eines Menschen.

«Noch immer gibt es viele Betroffene und Angehörige, die aus Scham niemandem davon berichten», sagt Wortmann. Das müsse sich ändern. Er kämpft auch deshalb gegen die Stigmatisierung, da eine frühe Behandlung den Betroffenen helfen kann. «Je eher eine professionelle Betreuung einsetzt, desto grösster ist die Chance, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und die Lebensqualität über Jahre zu erhalten.» So zeigen Forschungsresultate, dass bereits kleine Aufmerksamkeiten wie ein täglicher Spaziergang den Verlust deutlich verbessern können.

Die Organisation Alzheimer’s Disease schlägt deshalb vor, Patienten möglichst lange zu Hause zu betreuen. «Viel zu früh kommen sie heute ins Pflegeheim und werden so gesellschaftlich isoliert, was das Krankheitsbild beschleunigt», sagt Wortmann. Die Folge: hohe Kosten. 5 Milliarden Franken fielen vergangenes Jahr in der Schweiz an.

Sparpotenzial sieht Wortmann auch innerhalb der Pflegeheime. Und zwar durch eine Aufteilung der sozialen Betreuung und der medizinischen Pflege. «Für einen Spaziergang sollte nicht eine Pflegeperson zuständig sein.» Er schätzt, dass die soziale Betreuung rund 40 Prozent des Aufwands verursacht. Kosten, die deutlich gesenkt werden könnten, wenn die Aufgaben spezifische Betreuungspersonen übernehmen würden.

Max Giger, Arzt und Weiterbildungsfachmann, sieht hier ebenfalls Sparpotenzial. «Es braucht eine stärkere Interprofessionalität», sagt er. Ein Betreuungsteam von Alzheimer-Patienten müsse aus Personen mit verschiedenen Berufen bestehen. Und je nach Situation sollen diejenigen Teammitglieder eingesetzt werden, welche die Aufgaben am effizientesten erfüllen können. Ganz nach dem Motto: Mit den minimal notwendigen fachlichen Kompetenzen die Aufgabe optimal erfüllen.

«Die neueren Entwicklungen in Sachen Ausbildung gehen in die richtige Richtung», ist Giger überzeugt. Insbesondere die zweijährige Lehre zur Fachangestellten Gesundheit für Erwachsene (FaGe E) sei eine gute Sache. «Sie sollte noch viel stärker für Wiedereinsteigerinnen geöffnet werden.» Also Frauen, die bereits Lebenserfahrung aus Familientätigkeit oder weiteren Berufen haben und sich nun auf die Betreuung im Gesundheitswesen spezialisieren wollen. «Bei der Betreuung von Alzheimer-Patienten sind vermehrt soziale Kompetenzen notwendig», sagt Giger.

Auch die nationale Dachorganisation der Arbeitswelt Gesundheit, OdaSanté, sieht bei den Quereinsteigern und Wiedereinsteigern Potenzial. «Wir stellen Überlegungen an, wie wir sie noch gezielter ansprechen können», sagt Geschäftsführer Urs Sieber.

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