In der Schweiz steigen die Spitalkosten ungebremst. Damit treiben sie die Krankenkassenprämien in die Höhe. Das beunruhigt auch das Bundesamt für Gesundheit. Das BAG befürchtet offenbar, dass die Einführung von Fallpauschalen im Jahr 2012 allein das Kostenwachstum nicht bremsen kann. Oliver Peters, BAG-Vizedirektor, legte die Sicht des Amtes kürzlich an einer internen Tagung des Schweizerischen Ärzteverbandes FMH dar. Dabei liess er in seinem Vortrag keinen Zweifel aufkommen: «Auch in der Schweiz ist Handlungsbedarf vorhanden.»

Auf Anfrage der «Schweiz am Sonntag» doppelte Peters nach: «Vieles deutet darauf hin, dass mit Fallpauschalen allein die Kostenentwicklung nicht in den Griff zu bekommen ist.» In seinem Vortrag legte Peters diese ernüchternde Entwicklung schonungslos offen. Zwar brauchen die Spitäler im Durchschnitt weniger Aufenthaltstage, um einen Patienten zu behandeln. Doch dieser positive Effekt wird wieder zunichtegemacht, weil die Spitäler heute deutlich mehr Patienten behandeln als früher.

Dieser Trend zeigt sich bereits seit zehn Jahren. Peters sagt dazu: «Es wäre möglich, dass die Spitäler das eine mit dem anderen ausgleichen.»

Dass mehr Patienten behandelt werden, zeigt sich vor allem bei den Notfällen. Per Notfall wurde 2012 rund 40 Prozent mehr Patienten geholfen als elf Jahre zuvor. Insgesamt gab es eine Zunahme der behandelten Patienten um über 20 Prozent. Peters stellt klar. «Mit der Demografie allein lässt sich diese Entwicklung nicht erklären.»

Die Kosten laufen so weiter aus dem Ruder. Von 2001 bis 2012 nahmen die gesamten Kosten aller Spitäler um über 60 Prozent zu, wie Peters in seinem Vortrag aufzeigt.

Anfang 2012 führte die Schweiz dann die Fallpauschalen ein. Sie sollen den Spitälern einen Sparanreiz geben, wobei die Qualität gleich bleiben sollte. Doch 2012 blieben die gleichen Trends erhalten. Weniger Spitaltage pro Behandlung, dafür mehr Behandlungen. Dieses Bild ist aus Deutschland bekannt, das bereits mehr Erfahrung mit der Fallpauschale hat.

Auch deshalb ist das BAG alarmiert. Für Peters sind die Parallelen offensichtlich: Beide hätten Fallpauschalen eingeführt. Beide hätten eine Zunahme der Fälle zu beobachten, die sich nicht allein mit der Demografie erklären lasse. «Wir haben in der Schweiz eine ähnliche Situation wie in Deutschland.»

In Deutschland hätten Studien gezeigt, dass die Spitäler auf finanzielle Anreize reagieren. Wenn eine bestimmte Massnahme finanziell besser entschädigt sei, werde diese öfter vorgenommen. Eine Studie der Universität Duisberg-Essen etwa stellt fest, dass Spitäler besonders dann viele Patienten haben wollen, wenn eine Behandlung ihnen vergleichsweise geringe zusätzliche Kosten bringt – weil nach Abzug dieser Kosten dem Spital mehr von der Fallpauschale übrig bleibt.

Ob es in der Schweiz ähnliche Fehlanreize gebe, müsse noch geprüft werden, sagt Peters. «Wir haben etwa einzelne Gruppen von Patienten, deren Behandlung besser finanziert ist als andere.» Daher könne es sein, dass dies ein Grund für die starke Zunahme von Operationen sei. So sei etwa zu beobachten, dass es bei Zusatzversicherten mehr Operationen gebe als bei Grundversicherten.

Diese Beobachtung von Peters ist an sich explosiv. Zusatzversicherte würden demnach Gefahr laufen, häufiger operiert zu werden – allenfalls gar, obschon es nicht unbedingt notwendig wäre. Von Medizinern ist indessen eine andere Erklärung zu hören. Zusatzversicherte seien häufig Menschen, die mehr Vertrauen in den medizinischen Fortschritt hätten. Sie seien daher eher dazu bereit, sich unters Messer zu legen.

Peters will handeln. In seinem Vortrag nennt er mögliche Ansätze. Etwa zu prüfen, ob bestimmte Operationen durch die Vorgabe einer minimalen Zahl auf wenige Zentren zu konzentrieren wären. Die finanziellen Anreize im Fallpauschalen-System sollten verbessert werden. Die Patienten sollten besser informiert werden und vor Operationen häufiger Zweitmeinungen einholen.

Doch wirklich erklären kann sich das BAG die Kostenentwicklung in der Schweiz noch nicht. Erst von 2016 bis 2018 wird es genügend Erfahrungen mit der Fallpauschale geben. Bis dahin werden die Kosten wohl weiterhin ungebremst steigen.

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