Von Michael Wrase aus Limassol

1 Warum wird um Aleppo so erbittert gekämpft?
Ein klarer Sieg im Kampf um die im Nordwesten Syriens gelegene Grossstadt Aleppo würde eine Vorentscheidung im Bürgerkrieg bedeuten, der das Land seit Jahren bestimmt. Bei Friedens- und Waffenstillstandsverhandlungen könnte das Assad-Regime der Opposition seine Bedingungen diktieren, was die Rebellen um jeden Preis verhindern wollen. Sie haben alle ihre Kräfte mobilisiert, um den Belagerungsring zu durchbrechen und ihrerseits ganz Aleppo zurückzuerobern. Es ist zu befürchten, dass die Bevölkerung von ganz Aleppo schon bald in einem wechselseitigen Belagerungszustand gefangen gehalten wird.

2 Wer kann Aleppo retten?
Sicherlich nicht die islamistischen Rebellen, die von einigen westlichen Medien schon als Retter von Aleppo gefeiert werden. «Die Islamisten sind nicht die Hoffnung, sondern der Fluch der Bevölkerung», sagte Professor Günter Meyer, der Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz, in einem Gespräch mit der «Schweiz am Sonntag». Wie das Assad-Regime würden auch die radikalen Rebellen die Bevölkerung lediglich für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen. Eine Rettung von Aleppo wäre nur im Rahmen einer politischen Einigung in Syrien möglich, welche leider nicht in Sicht ist.

3 Wie sieht die humanitäre Lage vor Ort aus?
Die Lage für die Menschen in Aleppo ist katastrophal. Die Bevölkerung im belagerten Osten der Stadt lebt bereits seit drei Wochen von ihren Reserven. Nach der Bombardierung von Hospitälern ist die medizinische Versorgung äusserst kritisch. Von der Gewalteskalation betroffen ist auch die Bevölkerung im von der Assad-Armee kontrollierten West-Aleppo. Auch dort sterben jeden Tag Unschuldige.

4 Wie viele Menschen sind betroffen?
Im Westen der Stadt Aleppo leben mehr als eine Million Menschen, im belagerten Osten nach Einschätzung des Korrespondenten der englischen Zeitung «Guardian», Martin Chulov, der die Stadt vor der Belagerung besuchte, nur noch 40 000 Menschen. Die von der Opposition genannte Zahl von 250 000 hält nicht nur Chulov für viel zu hoch.

5 Das Vorgehen der von der russischen Luftwaffe unterstützten syrischen Armee wird häufig mit der Kriegsführung Moskaus im Tschetschenien-Konflikt verglichen. Zu Recht?
Russland ist es mit militärischer Gewalt gelungen, den Aufstand der Islamisten im Kaukasus dauerhaft niederzuschlagen. Das soll in Syrien nun wiederholt werden. Dieses Vorhaben wird aber nicht gelingen. Russland, das Regime in Damaskus sowie alle anderen kriegführenden Parteien und deren Verbündete im Iran, der Türkei und Saudi-Arabien müssen begreifen, dass es in Syrien keine militärische Lösung geben kann. Davon scheinen sie momentan aber weit entfernt, denn anstatt sich politisch zu einigen, befeuern die Regionalmächte den Krieg in Syrien mit ungeheurer Intensität weiter. Den Preis dafür zahlt die Zivilbevölkerung.

6 Angesichts der militärischen Eskalation erscheint eine politische Lösung gegenwärtig unmöglich. Besteht wenigstens Hoffnung auf einen Waffenstillstand?
Wohl nicht so bald. Das Regime hatte nach der Einkesselung von Ost-Aleppo einen Waffenstillstand angeboten. Aus einer Position der Stärke. Assad wollte die Kapitulation der Rebellen, was für sie nicht infrage kommt. Beseelt vom «Heiligen Krieg» gegen die «Ungläubigen» werden die von Islamisten dominierten Aufständischen ihre vor einer Woche begonnene Offensive solange fortsetzen, bis der Belagerungsring um Ost-Aleppo durchbrochen ist. Dies könnte ihnen schon an diesem Wochenende gelingen.

7 Der Krieg in Syrien dauert seit fünf Jahren an. Warum hat die internationale Staatengemeinschaft in dem Bürgerkriegsland so kläglich versagt?
In Syrien tobt ein Stellvertreterkrieg, deren Akteure auch nach fünf Jahren zu keinerlei Kompromissen bereit sind. Russland, Iran und die Hisbollah stützen aus geostrategischen Erwägungen das Regime. Saudi-Arabien, die Türkei und viele westliche Staaten wollten mit aller Macht den «Regime Change» in Damaskus. Dazu wurden dschihadistische Gruppierungen wie der IS und al-Kaida instrumentalisiert – mit verheerenden Folgen. An einer Lösung des Syrien-Konfliktes ist die Obama-Administration am Ende ihrer Amtszeit nicht mehr interessiert. Man hat den Russen das Feld überlassen. Sie versuchen in Syrien nun, Fakten zu schaffen, bevor in Washington im nächsten Jahr der Wind dreht.

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