Von Jörg Zittlau*

Verklemmt war gestern. Egal, ob im Internet oder Fernsehen, auf der Kinoleinwand oder der Titelseite von Zeitschriften: Sex ist immer und überall. Doch offenbar nur in der Theorie. Denn diverse Studien zeigen: Der tatsächlich praktizierte Sex geht zurück, und die Ursachen liegen in unserem modernen Lebensstil.

Eine Umfrage der Hamburger Marktforschungsinstituts Trend Research ergab kürzlich, dass nur 54 Prozent der Schweizer auf die nicht gerade hohe Quote von einem Beischlaf pro Woche kommen. 2011 waren es noch 70 Prozent. In anderen Wohlstandsländern geht es nicht minder beschaulich zu. «Wir beobachten immer mehr Männer, die keine Lust auf Sex haben», sagt Reinhardt Kleber vom Institut für Sexualforschung am Hamburger Uni-Klinikum Eppendorf.

In den Sprechstunden seines Instituts berichteten in den 70er-Jahren lediglich 4 Prozent der männlichen Patienten von sexueller Unlust, heute sind es über 20 Prozent. Und als das Meinungsforschungsinstitut Forsa 600 deutsche Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren befragte, worauf sie eine Woche lang am wenigsten verzichten könnten, nannten 70 Prozent der jungen Frauen an erster Stelle das Smartphone, während der Sex auf die Nebenränge kam.

In Japan gaben in einer Studie des Gesundheits- und Sozialministeriums 35 Prozent der Männer zwischen 16 und 19 Jahren zu, überhaupt kein Interesse an Sex zu haben. Das sind fast doppelt so viele wie bei der letzten Befragung 2008. Der Spitzname für die lustlose Jungmännergattung am Fusse des Fuji lautet pflanzenfressende Männer.

Auf der anderen Seite des Pazifiks gibt es hingegen vor allem schokoladeschleckende Frauen. Laut Umfragen würde sich jede zweite US-Amerikanerin, wenn man sie vor die Wahl stellen würde, eher mit der süssen Nascherei als mit Sex vergnügen. Und das will etwas heissen, bei amerikanischer Schokolade.

Die Liste ähnlicher Studienergebnisse liesse sich lange weiterführen. Bleibt die Frage, warum der Sex ausgerechnet in den freizügigen Wohlstandsländern immer mehr zum Erliegen kommt. In der Frage steckt bereits eine Antwort. Der Sex ist nämlich mittlerweile nahezu omnipräsent, weil neben sexuell darbietenden Klassikern wie Werbung, Fernsehen und Yellow Press das Internet eine pornografische Vielfalt anbietet, wie es sie noch nie gab. In Europa nutzen zwei Drittel aller 18-jährigen Jungen immer wieder diese Vielfalt, und für nicht wenige führt sie in die Sucht.

«Sex veranstaltet heutzutage einen gewaltigen Lärm», erklärt der französische Philosoph Jean-Claude Guillebaud. «Er ist zu einem ebenso permanenten wie lauten Hintergrundrauschen unseres Alltags geworden.» Wenn jedoch etwas zum Hintergrundrauschen wird, kann es sich kaum noch in den Vordergrund drängen.
Psychologen sprechen von Habituation: Im Dauer-Trommelwirbel sexueller Reize verkümmert der praktische Sex, wie er zwischen leiblichen Menschen stattfinden kann. Erdbeerkuchen schmeckt uns ja auch nicht mehr, wenn wir ihn täglich vorgesetzt bekommen. «Wir haben es zwar nach vielen Jahrhunderten der Verklemmtheit geschafft, dass wir der Lust freien Lauf lassen können – doch leider hat uns dabei die Lust verlassen», resümiert Guillebaud.

Eine zweite Hauptursache der nachlassenden Libido ist die Tatsache, dass man in einer Konsumgesellschaft unendlich viele andere Dinge machen kann. Und die dritte ist der zunehmende Narzissmus, der in einer Epoche, die von Selbstbezogenheit und Egoismus geprägt ist, beste Wachstumsbedingungen findet.

«Der Narzissmus hat dadurch zugenommen wie die Fettsucht», erklärt der amerikanische Sozialpsychologie Keith Campbell. Einige Experten schätzen, dass in den Wohlstandsländern fast zehn Prozent aller 20- bis 29-Jährigen die Merkmale einer narzisstischen Persönlichkeit zeigen. Was für den Sex schon ein ziemlicher Dämpfer ist, denn wer sich selbst liebt, liebt niemanden anderen mehr.

Narzissen haben zwar noch Sex, aber er wird abgespult wie in einem Pornofilm, als ein Programm aus Techniken und Stellungswechseln – als ob der programmatische Ablauf ersetzen soll, was nicht mehr gefühlt werden kann. Am Ende reicht das Programm nicht mehr, und der Sex entfällt komplett, und zwar schon vier Monate nach dem Beginn der Beziehung, wie Campbell herausgefunden hat. «Zu dieser Zeit erreichen andere Beziehungen normalerweise den höchsten Grad ihrer Zufriedenheit», so der Sozialpsychologe.

«Doch beim Narzissten ist dann die Luft wieder raus.» Der Sex hat also derzeit schlechte Karten. Und doch muss man fragen, ob das eigentlich so schlimm ist. Denn ob damit ein Spassfaktor verloren geht, scheint mehr als fraglich. Laut einer Umfrage des Freiburger Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit ist nur jede vierte Frau mit ihren Sexaktivitäten zufrieden, bei den anderen dominieren unangenehme Empfindungen wie Stress, Ekel, Langeweile – und Schmerzen. Ganz zu schweigen davon, dass die Gesamtzeit aller Orgasmen eines Menschenlebens fünf kurze Stunden ausmacht; vor dem Hintergrund einer Lebenserwartung von mittlerweile über 80 Jahren geradezu lächerlich.

Für die Fortpflanzung des Menschen ist Sex ohnehin entbehrlich geworden, denn Samenbanken und In-vitro-Befruchtungen sind im Hinblick auf die Nachwuchsplanung wesentlich berechenbarer als der Gefühlsrausch beim Geschlechtsakt. Für die Intelligenz sind sexuelle Aktivitäten sogar ausgesprochen kontraproduktiv.

An der Universität London schnitten Männer, die immer wieder fremdgehen, in IQ-Tests statistisch gesehen extrem signifikant schlecht ab. Und in amerikanischen Untersuchungen zeigte sich, dass besonders jene Schüler und Studenten die besten Abschlüsse bauen, die erst spät oder gar nicht sexuell aktiv geworden sind. In einem vom Sex dominierten Gehirn gibt es eben kaum noch Kapazität für Nietzsche, Goethe und Mathe-Formeln.

Es wäre also besser, den Rückzug des Sexus einfach zu akzeptieren, vermutlich würden wir dadurch sogar etwas gewinnen. So betonten Buddha, Platon und Schopenhauer, dass etwas, das oft «Trieb» genannt wird, uns als unfreie Lustobjekte durchs Leben hetzt, während das Verlöschen der Sexualität den Blick aufs Wesentliche freigibt und uns wieder die Zügel des Handelns in die Hände spielt. Nicht umsonst sagte Andy Warhol: «Wahre Freiheit gibt es erst, wenn man mit dem Sex durch ist.»

Das «Entsexen» der menschlichen Beziehungen würde die Welt friedlicher machen. Denn Verhaltensforscher betonen, dass Aggressionen und Gewalt oft durch Imponiergehabe und Konkurrenzkämpfe sowie Frustration im sexuellen Bereich ausgelöst werden.

Es gibt in der Tierwelt oft ziemlich viel Getöse, wenn es um die Partnersuche geht, man denke an die verkeilten Geweihe der Hirsche und die Beissereien unter Löwen, verprellte Elefantenbullen gründen marodierende Banden, die alles niederwalzen und in Spirituosengeschäfte einbrechen, um sich zu besaufen.

Wenn der Sex hingegen keine sonderliche Rolle spielt, wie etwa bei Panda- und Koalabären, geht es ausgesprochen friedlich zu. Man kann also davon ausgehen, dass Männer und Frauen ohne sexuelles Begehren viel umgänglicher wären. Es gäbe weniger Kriege, Autobahnraser, Fanatiker und Faschisten, die ihren sexuellen Frust ablassen müssen. Kurz: No love, no war.

* Jörg Zittlau ist freier Journalist und Sachbuchautor. Eben ist von ihm erschienen: Wer braucht schon noch Sex? Warum wir es immer seltener tun – und warum das nicht so schlimm ist. Gütersloher Verlagsanstalt, 2014. 159 S. Fr. 21.90.

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