Der neue Vertreter des Heiligen Stuhles in Bern ist noch nicht vier Monate im Amt, und die Situation in der katholischen Kirche ist angespannter denn je. Statt auf Diplomatie setzt Nuntius Thomas Gullickson auf Provokation und stösst die hiesigen Gläubigen mit seiner erzkonservativen Haltung vor den Kopf.

Nun regt sich Widerstand gegen den 65-jährigen Erzbischof. «Der religiöse Frieden in der Schweiz ist in Gefahr», sagt Markus Arnold, Theologe und Studienleiter des Religionspädagogischen Instituts der Universität Luzern. Er gehört der Allianz «Es reicht!» an, die sich gemäss eigenen Angaben gegen eine Kirche wehrt, «die bevormundet, diszipliniert und ausgrenzt». Mittlerweile engagieren sich rund zwölf Gruppierungen in der Allianz. «Wir sind ernsthaft besorgt, dass der Nuntius die hiesige Kirche spaltet», sagt Arnold.

Der Theologe schrieb deshalb am Freitag einen Brief an Bundespräsident Johann Schneider-Ammann. Darin bittet Arnold den Bundesrat, «dass er nicht zulässt, dass Gullickson das Klima nachhaltig vergiftet». «Wir haben genug Probleme mit religiösem Fanatismus. Einen Nuntius, der diesen Fanatismus auch in der katholischen Kirche beleben will, können wir nicht brauchen.» Deshalb solle der Bundesrat beim vatikanischen Staatssekretariat des Heiligen Stuhls intervenieren.

Auch der Katholische Frauenbund zapft seine Beziehungen an und schickt morgen einen Brief an Bundesrätin Doris Leuthard (CVP). Das Ziel beider Aktionen: die Absetzung des Nuntius. «Dass er sich ändert und für alle in der Kirche einsetzt, ist wenig wahrscheinlich», sagt Simone Curau-Aepli vom Frauenbund. Da es sich beim Nuntius um einen Botschafter, also einen diplomatischen Vertreter handelt, ist das Schweizer Aussendepartement (EDA) für seine Ernennung zuständig. Diese kann das EDA gemäss Völkerrecht verweigern.

Traditionalist Gullickson ist US-Amerikaner und scheut sich nicht, sich dezidiert konservativ öffentlich zu äussern. Seine Ansichten vertritt er dabei auf modernen Wegen. Er ist eifriger Blogger und Twitterer, wie die «Rundschau» berichtete. Über 10 000 Tweets hat er innerhalb eines Jahres abgesetzt, meist Texte mit rechtskatholischen Positionen.

So retweetete er einen Artikel mit dem Titel: «Die Anti-Babypille macht dasselbe mit den Babys, wie der IS mit den Menschen tut.» Zudem zeigt er reges Interesse an der alten Liturgie, der sogenannten tridentinischen Messe. An diesen vorkonziliaren Lehren und Riten hält auch die umstrittene Piusbruderschaft fest. Seine Sympathie für diese Gemeinschaft, die beispielsweise die Religionsfreiheit oder die Kollegialität der Bischöfe ablehnt, bekundet Gullickson in mehreren Tweets. Er rühmt die Priester als Elite, wie die «Rundschau» berichtete.

Als eine seiner ersten Amtshandlungen in der Schweiz postete er ein Bild des abgeschobenen Bischofs Haas und blockte den früheren liberalen Abt des Klosters Einsiedeln SZ, Martin Werlen. Dafür empfiehlt der Nuntius in einem seiner Blog-Beiträge unter dem Titel «Ultramontanist und stolz darauf» eine neu erschienene englische Übersetzung des Buches «Liberalismus ist Sünde» zur Lektüre. Dieses Werk öffne Türen für jene Katholiken, die lieber Christus folgen wollten, als den Zeitgeist zu umarmen, so Gullickson.

Der liberale Theologe Erwin Koller, Präsident der kirchenkritischen Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche, ist besorgt. «Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Anti-Liberalismus der Pius-Päpste eindeutig verurteilt und sich unmissverständlich zu den Menschenrechten bekannt. Wenn Herr Gullickson dagegen ist, dann mag er sich den Pius-Brüdern anschliessen, aber er hat kein Recht, eine solche Position im Namen der Kirche beziehungsweise des Papstes zu vertreten», sagt Koller.

Ebenfalls als störend erachtet der liberale Kirchenflügel, dass der Nuntius Pfarreien, die derzeit ohne Priester betrieben werden, schliessen will. «Solche Aussagen zeigen, dass er die Situation der katholischen Kirche völlig verkennt», sagt Koller. Gullickson bekommt in der Schweiz die kritischen Gläubigen zu spüren. Seine Äusserungen, besonders jene gegen Papst Franziskus, werden mit Argusaugen verfolgt. «Wie er gegen Positionen von Franziskus Stellung nimmt, ist ungehörig», sagt Koller. «Hätte sich ein Schweizer Diplomat so über die Schweizer Regierung geäussert, wäre er längst entlassen worden.»

Warum das vatikanische Staatssekretariat des Heiligen Stuhls ausgerechnet Erzbischof Gullickson der Schweiz zuteilte, ist unklar. Bevor er im September als Nuntius für die Schweiz und Liechtenstein berufen wurde, übte er dieses Amt vier Jahre in der kriegsgeschüttelten Ukraine aus. Zwar sind auf seinem Twitterkonto sämtliche Tweets, die älter als der 5. September sind, gelöscht, dennoch sind sie im Netz auffindbar und zeigen: Bevorzugt twitterte er proukrainische Artikel und kam dadurch mit seiner diplomatischen Aufgabe in Konflikt.

Aus ukrainischen Kirchenkreisen ist zu erfahren, dass der Wirbel besonders gross war, als Gullickson ein Foto auf Twitter teilte, das einen russischen Priester zeigt, der mit Maschinengewehr posiert. Der sinngemässe Text dazu war: Priester hat in seinen Ferien in der Ukraine höllischen Spass («fun as hell»). Seine klare politische Haltung brachte Gullickson in der Bevölkerung zwar Sympathien ein, doch als Diplomat war er für den Vatikan nicht mehr tragbar. Wie Recherchen zeigen, waren seine politischen Äusserungen ein Grund, warum er sein Amt in der Ukraine vorzeitig räumen musste.

Dass er in der Schweiz wieder ein Plätzchen gefunden hat, dürfte auch auf die guten Beziehungen des Churer Bischofs Vitus Huonder in die konservativen Kreise im Vatikan zurückzuführen sein. Denn 2017 muss Huonder seinen Posten altershalber verlassen. Mit allen Mitteln setzt er sich nun dafür ein, dass ihn kein liberaler Bischof beerbt. Chancen für dieses Amt haben nur Anwärter, die dem Nuntius genehm sind. Denn die Dreierliste mit Kandidaten stellt er zusammen und handelt sie mit dem Vatikan aus.

Für eine Stellungnahme war der Nuntius nicht erreichbar.

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