Es ist ein Novum in der Schweizer Bildungslandschaft. Im kommenden Frühjahrs-Semester öffnet das erste gemeinsame Institut einer Universität und einer Fachhochschule seine Tore. Am Institut für Bildungswissenschaften in Basel – ein gemeinsames Projekt der Universität Basel und der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) – können künftig Absolventen aller Hochschulen ihren Doktortitel machen. Was bisher ein exklusives Recht der Uni-Studenten war, ist nun auch für Abgänger der Fachhochschule und der Pädagogischen Hochschule eine Option. Damit ermöglichen die Kooperationen im Extremfall einen Doktortitel, ohne je die Matura gemacht zu haben.

Spätestens im Herbst können die ersten Kandidaten mit ihrem Doktor für Fachdidaktik (Unterrichtslehre) beginnen. Gestatten: Dr. Lehrer. Weitere Promotionsgänge im Bildungsbereich sollen in den kommenden Jahren folgen. Dabei geht es um mehr als nur um einen Titel. Es geht um die umstrittene Frage, ob nur Universitäten die Doktorwürde verleihen dürfen. Die Fachhochschulen pochen schon länger auf ein Promotionsrecht. Die Universitäten und die ETH wollen hingegen die Hoheit über die Vergabe behalten.

Die Debatte wurde neu entfacht, weil seit Jahresbeginn erstmals alle Hochschulen unter dem Dach des Verbandes Swissuniversities vereint sind – mit entsprechend unterschiedlichen Meinungen. Durch das Institut in Basel bleibt das Promotionsrecht zwar bei der Universität, aber Absolventen der Fachhochschule sind zugelassen. Ein Modell mit Zukunft, wie Antonio Loprieno, Swissuniversities-Vorstand und Rektor der Uni Basel, festhält. «Kooperationen zwischen Universitäten und Fachhochschulen sollen künftig vermehrt entstehen», sagt er. Darauf hätten sich Vertreter aller Hochschulen geeinigt. Der Bund will das Modell ab 2016 finanziell unterstützen.

Ein eigenes Institut wie in Basel ist zwar einmalig, eine Handvoll Universitäten haben aber bereits ähnliche Kooperationen abgeschlossen. Seit 2011 können Absolventen der Hochschule der Künste Bern an der Universität Bern promovieren. Gestatten: Dr. Kunst. Zwar gebe es akademische Unterschiede zwischen den Absolventen, sagt Thomas Gartmann, Professor an der Uni Bern, diese seien aber bereichernd. Die Uniabsolventen seien in der Regel jünger, die Künstler reifer, teilweise mit 20 Jahren Dozentenerfahrung. Das «Hybridmodell» begeistert Geldgeber. 4 Millionen Franken an Drittmitteln sind bisher eingegangen.

Auch Genf und Zürich kennen das Modell. Beide bieten ein Doktoratsstudium für Fachdidaktik an. Die Universität Zürich kooperiert dafür mit der Pädagogischen Hochschule (PHZH). Drei Doktoranden starteten vergangenes Semester den ersten Studiengang. Seither haben 30 weitere Kandidaten ihr Interesse bekundet. Wie viele im Frühjahrssemester beginnen, ist noch nicht bekannt.

Dabei geht es vor allem darum, den akademischen Nachwuchs zu sichern. Promovierte Fachdidaktiker sind in der Schweiz Mangelware, weil es kein entsprechendes Pendant an der Universität gibt. Durch die Zusammenarbeit können Fachhochschulen ihren eigenen Nachwuchs ausbilden.

Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, rechnet mit weiteren Kooperationen. Erste Gespräche über eine Zusammenarbeit zwischen der Universität, der ETH und der Zürcher Hochschule der Künste sind in Gang. Konkrete Pläne gibt es aber noch nicht. In diesem Fall ist die internationale Konkurrenz ausschlaggebend. Im Ausland können Studenten der Musik und Kunst einen Doktor machen. In der Schweiz müssen Programme wie in Bern erst aufgezogen werden. Der Rektor der Uni Basel, Antonio Loprieno, will deshalb langfristig auch eine Kooperation mit den Musikwissenschaften vorantreiben.

Dass sich Fachhochschulen und Universitäten annähern, sorgt für Kritik. Nicht nur SVP-Exponenten beklagen die zunehmende Akademisierung der PH und der Fachhochschulen. Auch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse ist verärgert. Fachhochschulen dürften nicht zu «Mini-Unis» verkommen, schreibt der Verband. Die Bildungsgänge würden immer mehr verwässert.

Mit dem neuen Institut in Basel beschäftigte sich diese Woche auch die Baselbieter Regierung. Auf das Postulat, ob ein Promotionsrecht für die Fachhochschule wünschenswert sei, gibt sich der Regierungsrat zurückhaltend. Er fördere zwar die Kooperationslösungen, heisst es in der Antwort. Ob ein schweizweites Promotionsrecht für Fachhochschulen eingeführt werden soll, müsse aber der neue Hochschulrat entscheiden.

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