Von Guido Koller*

Am 15. März 1967, 17 Uhr, ist Antonio Janner im Stress: «Geheim für Lindt: Bedaure, Ihnen nicht früher berichtet zu haben, aber Affäre Swetlana stellt derartige Probleme, dass meine Zeit kaum ausreicht, sie zu bewältigen.» Aber nicht nur der Chef der Sektion Ost im Eidgenössischen Politischen Departement (EPD; heute: EDA), auch Botschafter August R. Lindt in Moskau ist unter Druck. Er beantwortet die Depesche aus Bern ebenfalls mit einem dringenden Kabel: «Geheim für Janner: Botschaft ist seit zwei Tagen ständig durch Polizei bewacht.» Der Grund der Aufregung: Die Tochter Stalins ist überraschend in die Schweiz gereist, und Bundesrat Ludwig von Moos gibt an einer improvisierten Pressekonferenz eine Erklärung ab.

Swetlana Iossifowna ist das jüngste Kind des sowjetischen Regierungs- und Parteichefs Josef Stalin und seiner zweiten Frau Nadeschda Allilujewa. Nach dem Tod des Vaters 1953 nimmt Swetlana den Namen ihrer Mutter an. 1966 stirbt Kanwar Brajesh Singh, ihr indischer Lebensgefährte, den sie offenbar auf Geheiss der Nomenklatura nicht hat heiraten dürfen. Die Behörden erlauben ihr aber im Januar 1967 die Reise nach Indien, wo sie die Asche des Verstorbenen in den Ganges streuen kann. Überraschend meldet sich Swetlana am 6. März bei der amerikanischen Botschaft in New Delhi. Sie wird gedrängt, in die Sowjetunion zurückzukehren, will aber nicht. Rasch organisiert die CIA einen Flug nach Rom. Dort endet die Reise Swetlanas abrupt. Die Amerikaner bekommen kalte Füsse, sie wollen die Sowjets angesichts sich wieder verschlechternder Beziehungen nicht unnötig verärgern.

Das amerikanische Aussenministerium ersucht die Schweiz, Swetlana aufzunehmen. Der Bundesrat ist bereit, ihr ein Touristenvisum auszustellen. Ludwig von Moos, der Chef des EJPD, verkündet der versammelten Weltpresse, dass Frau Allilujewa gänzlich erschöpft, eine Weiterreise in die Vereinigten Staaten «nicht möglich» sei. Sie kommt «für einen Erholungsurlaub» in die Schweiz. Er bittet die Medien, das «Privatleben von Frau Allilujewa entsprechend schweizerischer Gepflogenheiten zu respektieren». Die Medien reagieren verstimmt. Es ärgert sie, dass der Bundesrat dem interessanten russischen Gast einen Maulkorb erteilt.

Für die Sowjetunion ist die Übersiedlung von Stalins Tochter zum kapitalistischen Erzfeind ein Affront, es ist oft davon die Rede, dass Swetlana «ihr Land und Volk verrät». So gesehen legt Bundesrat von Moos ein Paradestück kommunikativer Verschleierung hin. Lindt in Moskau taxiert die Erklärung als «meisterhaft». Denn die Position der Schweiz zwischen den beiden Supermächten ist nicht bequem. Zwar kann sie ihre guten Dienste zur Geltung bringen, sie muss aber Farbe bekennen. Mit der Einreisebewilligung verschafft sie den USA einen Vorteil, nämlich Zeit, um das weitere Vorgehen mit Swetlana zu besprechen. Moskau kritisiert das Vorgehen als «unfreundlichen Akt».

Der Vater ein moralisches Monster
Einige Eingeweihte wissen, dass Swetlana konkrete Pläne hat. Die 42-jährige Philologin hat auf ihrem Flug nach Rom ein Manuskript im Gepäck, das Singh schon früher nach Indien hat schmuggeln lassen. Swetlana schreibt in ihrem Buch über ihren Vater, «ein moralisches Monster», der ihre Mutter in den Selbstmord trieb, und über ihre Familie, die Stalin lange gefördert hat, aber auch über Macht- und Richtungskämpfe im Politbüro und schliesslich auch über ihr «unvergessliches Russland, wo Wölfe in verschneiten Ebenen erbarmungslos gegeneinander kämpfen». Das Buch, 20 Briefe an einen Freund, ist eine Sensation, wird zum Weltbestseller. Swetlana wird damit Millionen verdienen.

Die sowjetische Presse reagiert empört. Die «Komsomolskaia Prawda» schreibt von der «Erosion der menschlichen Ehrenhaftigkeit», von «Gehässigkeit, Verleumdungen als Entschädigung für ein paar amerikanische Dollars». Die «Iswestija» bietet sogar Metropolit Pimen gegen Swetlana auf. Die orthodoxe Kirche hat Stalins Tochter getauft und versucht nun, sich nicht direkt von ihr loszusprechen: «Das Gewissen vieler Leute revoltiert», sagt Pimen, weil Swetlana ihre Kinder zurückgelassen hat. Er weiss nicht, dass Svetlana ihren Kindern einen Brief geschrieben hat. Die Polizisten vor der Schweizer Botschaft in Moskau verhindern, dass er unzensiert übergeben werden kann.

Die USA dankt dem Bundesrat
Im Mai 1967 ist die diplomatische Probe für die Schweiz überstanden, Swetlana in die USA weitergereist. Antonio Janner zieht für das EPD Bilanz: «Sie zog es vor, in klösterlicher Abgeschiedenheit sich auf den grossen Sprung in die Freiheit vorzubereiten», schreibt der stramme Antikommunist ziemlich schwülstig. Die Presse hatte vom Aufenthalt Swetlanas im Berner Oberland erfahren, und er musste sie mithilfe der Bundespolizei in einem Kloster im Freiburgischen verstecken. Janner ist stolz, bei diesem «Sprung» geholfen, gleichzeitig aber «den Sowjets möglichst wenig Angriffsfläche» geboten zu haben. Das Touristenvisum für Swetlana habe nichts präjudiziert, sei eine «Arbeitshypothese für den internationalen Gebrauch» gewesen. Alles im Griff, so der Tenor seiner Sprachregelung, die er an August Lindt schickt, der sich womöglich noch an das erste Kabel von Janner erinnert und nicht reagiert.

Lindt weiss, dass sich die Schweiz im «Fall Swetlana» auf die Seite der USA gestellt hat. Er mahnte Bern stets zur Vorsicht, weil, nach dem vorübergehenden Tauwetter unter Nikita Chruschtschow, mit Leonid Breschnew der Kalte Krieg wieder eisiger wurde. Lindts Umsicht wurde von Washington geteilt. Das Aussenministerium beauftragte George F. Kennan, die Weiterreise Swetlanas nach New York zu orchestrieren. Der amerikanische Spitzendiplomat hatte nach dem Zweiten Weltkrieg das aussenpolitische Konzept des Containments, der Eindämmung der Sowjetunion, entwickelt, galt mittlerweile aber als Befürworter der friedlichen Koexistenz. Er reist nach Bern und regelt hier mit Swetlana die Frage der Publikation ihres «literarisch hochstehenden und historisch äusserst wertvollen Buches» in den USA. Mit dem Vorschuss des amerikanischen Verlags finanziert Swetlana ihren Aufenthalt in der Schweiz und zahlt den Amerikanern den Vorschuss für den Flug von Delhi nach Rom zurück. Kennan dankt dem Bundesrat für sein Entgegenkommen: «The experience had the incidental value of showing us all Switzerland at its best.»

Aber nicht alle sind zufrieden mit dem Ausgang der Affäre. Viele Russen sind verstimmt. Es wurmt sie, dass den USA ausgerechnet im fünfzigsten Jahr nach der Revolution von 1917 ein solcher Propagandacoup gelungen ist. August Lindt in Moskau hat einen guten Draht zu der «sehr lebhaften und eleganten» Kulturministerin: Auch sie empfinde als Sowjetbürgerin die Aufnahme Swetlanas als «unfreundlichen Akt der Schweiz», sagt ihm Jekaterina Furzewa. Lindt, ganz Diplomat, antwortet: «Mein Land gewährt sein Gastrecht ohne Ansehen der Nationalität aus humanitären Gründen.» Die Schweiz habe zum Beispiel vor der Revolution 1917 Lenin aufgenommen, «obwohl dies der damaligen russischen Regierung gar nicht passte». Damit gibt sich die Kulturministerin offenbar zufrieden. Und so hat August R. Lindt gegenüber der Sowjetunion die schweizerische Neutralität zugunsten der USA gerade noch einmal verständlich machen können.

Postscriptum: Swetlana wurde auch in den USA nicht glücklich. Sie kehrte 1984 in die Sowjetunion zurück und zog nach Tiflis, die Heimatstadt ihres Vaters. Noch vor der Auflösung der Sowjetunion vor 25 Jahren reiste sie wieder in die USA, wo sie, verarmt, 2011 in einem Altersheim starb.

* Guido Koller ist Historiker und spezialisiert auf die Zeitgeschichte.

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