Es ist sein Jahr. Leo Bigger steckt die Hände in die Hosentaschen. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Er steht mitten in der Baugrube des entstehenden Eventparks in Stettbach bei Zürich. Bigger ist der Gründer und Leiter der Freikirche International Christian Fellowship (ICF). In weniger als einem halben Jahr wird er hier seinen ersten Megagottesdienst feiern können. Wöchentlich pilgern dann über 3000 Gläubige nach Stettbach. So viele Besucher hatte der ICF im vergangenen Jahr jeden Sonntag an seinem bisherigen Veranstaltungsort in der Maag-Halle in Zürich. Zwar gibt es andere Freikirchen, die Schweizerische Pfingstmission etwa, die landesweit rund 10 000 Mitglieder zu ihrer Gemeinschaft zählt. Jedoch schafft es in der ganzen Schweiz keine andere Kirche, so viele Menschen in ihren Gottesdienst zu holen wie der ICF.

Für Bigger ist es ein Gefühl des Nach-Hause-Kommens. Endlich, nach 20 Jahren, erhält er seine eigene Kirche. Noch sind es erst Stahlpfeiler, die aus dem Boden ragen. Bigger rückt seinen weissen Bauhelm zurecht und sagt: «Genau hier, wo wir uns jetzt befinden, entstehen die Kinder- und Seminarräume.» Diesen Teil des Gebäudes wird der ICF das ganze Jahr über nutzen. Das restliche Gebäude mietet er nur an den Sonntagen und Spezialanlässen.

Hätte Bigger damals bei der Gründungsveranstaltung im Jahr 1996 jemand gesagt, dass er eines Tages wöchentlich vor Tausenden von Menschen predigen wird, hätte er wohl den Kopf geschüttelt. Doch der ICF hat sich innert kürzester Zeit vom 40-köpfigen Grüppchen zu einer der grössten Freikirchen der Schweiz entwickelt. «Offenbar haben wir für unsere Inhalte eine Verpackung gefunden, welche die Leute anspricht», erklärt Bigger den Erfolg.

Spektakuläre Shows
Was das heisst, zeigte der ICF vergangenes Wochenende im Zürcher Hallenstadion an seiner Pfingstfeier, die gleichzeitig die 20-Jahre-Jubiläumsparty war. Während zweier Tage gab es für die rund 7700 Besucher spektakuläre Bühnenshows und internationale, eingeflogene Gäste. Auf der Bühne omnipräsent war das Ehepaar Leo und Susanna Bigger. «Was für eine Nacht!», riefen sie ins Publikum, und der Saal pfiff und johlte. Während der Konzerte wurde im Hintergrund der Liedtext auf einer Grossleinwand eingeblendet, sodass im Stadion ein Chor aus tausend Stimmen erklang. Aufwendige Lichtshows und weisse Rauchsäulen, die gegen die Decke schossen, euphorisierten die Menschen zusätzlich.

Mit dem ICF holte Bigger diese Art von Gottesdienst in die Schweiz. Vorbild war und sind immer noch die amerikanischen Megakirchen. Der Religionssoziologe Olivier Favre ist sich sicher, dass der ICF weiter wachsen wird. Die Freikirche ist so erfolgreich, dass andere Glaubensgemeinschaften nun nachziehen. Abendgottesdienste sind im Kommen, das stille Sitzen auf der harten Kirchenbank rückt in den Hintergrund. Seit ein paar Jahren tauchen ausserdem andere dynamische Freikirchen in der Schweiz auf.

Eine Konkurrenz für Leo Biggers ICF könnte die Hillsong Church sein, die vor kurzem ihren ersten Ableger in der Schweiz eröffnete. Die Freikirche feiert weltweit Erfolge. Allein in Australien, dem Gründungsort der Kirche, soll sie über 20 000 Mitglieder haben. Jugendidole wie der Popsänger Justin Bieber gehören zu ihren Mitgliedern. Favre sagt: «Der ICF hat den Weg für solche Kirchen in der Schweiz geebnet.»

Kritisiert wird der ICF für seine Inhalte. Jörg Stolz, Religionssoziologe an der Universität Lausanne, sagt, der Freikirche fehle es an einer Auseinandersetzung mit Bibeltexten im historisch-kritischen und philosophischen Sinne. «Ihr Bibelverständnis geht in Richtung Fundamentalismus. Sie verstehen die Bibeltexte sehr direkt. Jedem Theologen stehen da die Haare zu Berge», sagt Stolz.

Nach aussen hin poppig, nach innen konservativ. Daraus macht Leo Bigger kein Geheimnis. «Wir haben die Bibel nicht neu erfunden. Die Bibel ist das Wort Gottes. Mit dem ICF haben wir lediglich einen Weg gefunden, dieses Wort in einer Sprache zu kommunizieren, die alle verstehen.» Genervt reagiert Bigger auf die Frage nach der verklemmten Sexualmoral oder ob es stimmt, dass Schwule nicht am Gottesdienst teilnehmen dürfen. «Ständig wird der ICF für dieselben Dinge kritisiert. Dabei bin ich gar nicht gegen etwas. Sondern dafür. Ich bin für guten Sex – in der Ehe», sagt Bigger.

Am Puls der Zeit
Die perfekte Vermarktung auf der Bühne gelingt Bigger auch im Gespräch. Heiklen Fragen weicht er geschickt aus. Was, wenn die Freundin des Sohnes bekennende Atheistin ist? «Einem Vater ist es nie egal, was für eine Freundin der Sohn hat.» Kommt man in die Hölle, wenn man nicht gläubig ist? «Gott respektiert die Entscheidung eines jeden Menschen. Eine Entscheidung für die Trennung von Gott bedeutet Hölle.» Haben Sie ein Problem mit dem Biologieunterricht in der Schule? «Die Evolutionstheorie ist ja, wie es der Name schon sagt, auch nur eine Theorie.»

Laut Stolz ist der ICF ein gut durchorchestriertes Marketing-Produkt. Wachstum sei für den ICF wichtig. Darum sei der Wunsch, mit der modernen Gesellschaft mithalten zu wollen, sehr ausgeprägt. Der ICF trifft mit seinem Kirchenmodell den Puls der Zeit. Das macht ihn so erfolgreich.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper