VON KATIA MURMANN UND SANDRO BROTZ

Das kurze Leben der Swera R. endete am Montagabend nach nur 16 Jahren. Der eigene Vater erschlug das Mädchen zu Hause in Zürich Höngg mit einer Axt – vor den Augen der Mutter und der zwei jüngeren Geschwister.

Wie Recherchen des «Sonntags» zeigen, waren nur wenige Stunden vor der Tat am Montagnachmittag zwei Vertreter der Vormundschaftsbehörden – darunter der zuständige so genannte Waisenrat – bei Scheragha R. Sie sprachen mit ihm über die Zukunft seiner zweitältesten Tochter, die in einem Heim in St. Gallen untergebracht ist. Auch Swera war bei dem Gespräch ein Thema. Sie war vier Wochen zuvor von zu Hause weggelaufen und lebte seitdem bei ihrem Freund.

Am nächsten Tag hätte ein Gespräch zwischen Swera, ihrem Erziehungsbeistand und dem ägyptischen Familienbegleiter der R.s stattfinden sollen. Eine der Massnahmen, die infrage kam, war die Unterbringung von Swera in einer Einrichtung für betreutes Wohnen. Damit hätte der Vater auch seine zweite Tochter ziehen lassen müssen.

Bei dem Gespräch am Montag zeigte sich Scheragha R. laut der Quelle des «Sonntags» «sehr kooperativ» und habe «Hand geboten für alle Lösungen». Der Pakistaner habe schon zuvor «eng mit den Behörden zusammengearbeitet». Die Behördenvertreter sahen «keinerlei Anzeichen für eine besondere Gefahrensituation» – eine fatale Fehleinschätzung. Es ist eine von mehreren an diesem Nachmittag.

Nur wenig später haben die Behörden noch einmal Kontakt mit Scheragha R. Diesmal telefonisch. Vom Polizeiposten aus ruft Swera ihren Familienbegleiter an. Das Mädchen wurde zusammen mit einer Freundin erwischt, als sie eine Packung Zigaretten klaute. Der Familienbegleiter informiert den Erziehungsbeistand von Swera und kontaktiert den Vater. Er zögert erst, will seine Tochter nicht auf dem Polizeiposten abholen. Dann geht er doch hin, zusammen mit seiner Frau – aber ohne einen Vertreter der Behörde.

«Der Vater war sehr gelassen, als er seine Tochter abgeholt hat», sagt Marco Cortesi von der Stadtpolizei Zürich. Normalerweise seien Eltern in solchen Situationen «eher hässig». Nicht so Scheragha R.

Warum kein Behördenvertreter dabei war, als Scheragha R. seine Tochter auf dem Polizeiposten abholte, bleibt eine offene, wichtige Frage. «Es gab keinerlei Anzeichen für einen derartigen Gewaltexzess», sagt Martin Naef von der Vormundschaftsbehörde gegenüber dem «Sonntag».

Doch Gewalt war in der Familie R. immer wieder ein Thema. Vater Scheragha steht unter massivem Druck, weil ihm der Einfluss auf seine Familie immer mehr entgleitet. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, offenbar auch vonseiten der Kinder. Bisher nicht bekannt: Vor knapp drei Jahren war die Polizei schon einmal in der Wohnung in Zürich Höngg: Scheragha hatte um Hilfe gerufen, weil er dachte, seine Frau wolle sich mit Tabletten umbringen.

«Die Kinder wurden nicht gut genug betreut», bestätigt Martin Naef. Deshalb erhielten sie 2007 einen Erziehungsbeistand, zusätzlich wurde den Eltern ein sozialpädagogischer Familienbegleiter zur Seite gestellt. Doch all diese Massnahmen konnten nicht verhindern, dass Scheragha zum Mörder wurde. Der Anwalt des Pakistaners zeigt sich gegenüber dem «Sonntag» irritiert «über die vorschnelle Meinungsbildung in den Medien». Er geht nach derzeitigem Wissensstand weniger von einem Ehrenmord als von einem Mord im Affekt aus.

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