VON NADJA PASTEGA

Nicht nur der eidgenössische Datenschützer, sondern auch immer mehr Bürger wollen sich den neuen Online-Dienst von Google nicht bieten lassen: 300 Beschwerden gegen Street View sind in den letzten vier Tagen eingegangen. Dies sagt der oberste Schweizer Datenschützer Hanspeter Thür, er stützt sich dabei auf Google-interne Quellen.

Thür droht nun mit dem Gang ans Bundesverwaltungs-gericht, sollte der Online-Dienst seinen Forderungen nicht nachkommen. Street View ermöglicht virtuelle Streifzüge durch Strassen – pompöse Villen etwa lassen sich in allen Details ausleuchten. Das weckt jetzt den Widerstand einer Gemeinde: Küsnacht ZH will gemäss Gemeindepräsident Max Baumgartner ein Verbot von Street View prüfen.

Nebst Privatpersonen und Gemeinden wehren sich auch erste Firmen. Beim Zürcher Datenschützer Bruno Baeriswyl haben sich Unternehmen gemeldet, die Google untersagen wollen, ihre Firmengebäude oder das Privatdomizil ihres Senior Managements zu fotografieren.

Google reagiert mit einem Statement des obersten Privacy-Verantwortlichen. Gegenüber «Sonntag» teilt Peter Fleischer mit: «Es sind nur sehr wenige Anfragen auf Löschung oder Verwischen eines Gesichts» eingegangen. Fleischer, der bei Google weltweit für die Datenschutzfragen zuständig ist, zeigt sich über das Vorgehen von Hanspeter Thür «enttäuscht».


Stellungnahme zur Kritik an Street View von Peter Fleischer, Google's Global Privacy Counsel
In dieser Woche konnten wir mit Street View eine neue Funktion innerhalb von Google Maps starten, die es Menschen weltweit ermöglicht, sich mit 360-Grad-Rundumfotographien in der Schweiz zu bewegen.

Nun können Menschen Orte in der Schweiz erkunden, von denen sie vorher nur gehört oder geträumt hatten. Sie können zu einem gewissen Grade selbst erleben, wie es ist, am Ufer des Genfersees entlang zu schlendern oder in den Straßen von Bern zu spazieren.

Die eindeutigen Vorteile, die Street View damit für den Tourismus, die Wirtschaft oder allgemein für die Routenplanung von A nach B eröffnet, liegen auf der Hand. Street View hat sich in den anderen Ländern, in denen es verfügbar ist, als sehr beliebt erwiesen.

Die Nutzer teilten uns mit, dass diese Möglichkeit, einen Ort so zu betrachten, als sei man tatsächlich dort, das Verständnis und das Auffinden von Informationen über Orte erleichtert, an denen sie leben oder die sie besuchen. So können sie Erinnerungen an frühere Reisen auffrischen oder Inspirationen für neue holen.

Wie viele neuartige Technologien ruft auch Street View Fragen hervor, wie die Privatsphäre der Menschen am besten gesichert werden kann. Im Jahr 2007 haben wir damit begonnen, dieses innovative Produkt in Europa einzuführen.

Wir waren uns sehr wohl darüber im Klaren, dass dies mit besonderen Herausforderungen verknüpft sein würde wegen der unterschiedlichen Richtlinien zum Schutze der Privatsphäre und unterschiedlichen kulturellen Normen.

Wir haben uns daher mit vielen dieser unterschiedlichen Bedürfnisse und Bedenken auseinandergesetzt und proaktiv mehrere Technologien entwickelt, die den Schutz der Privatsphäre sichern und vorantreiben.

Wir haben Street View in einer Weise entwickelt, die den Schutz der Privatsphäre der Abgebildeten respektiert. Wir haben eine Technologie zum Verwischen von Gesichtern und Autokennzeichen entwickelt, die technisch auf dem neuesten Stand ist.

Der bei weitem überwiegende Teil der Aufnahmen beinhaltet daher keinerlei individuell erkennbare Gesichter oder Autokennzeichen. Für den Fall, dass die Verwischungs- Technologie einmal nicht perfekt gearbeitet haben sollte, haben wir einen einfach zu bedienenden Prozess in das Produkt integriert, mit Hilfe dessen jedermann die Löschung eines Bildes, in dem er erscheint, verlangen kann.

In Ländern, in denen es Street View bereits gibt z.B. Australien und Frankreich haben die Datenschutzbeauftragten unsere Bemühungen anerkannt, die Privatsphäre der Menschen zu schützen.

Deswegen waren wir sehr überrascht und enttäuscht, als wir erfuhren, dass der eidgenössische Datenschutzbeauftragte ernsthafte Bedenken gegen den Start von Google Street View in der Schweiz anmeldete. Wir hatten nämlich mit dieser Bundesstelle lange vor der Einführung von Street View einen sehr konstruktiven Dialog geführt um zu demonstrieren wie wir mit dem Produkt , die Privatsphäre schützen und um die Technologie anhand anderer Beispiele aus dem Ausland nahe zu bringen.

Seit der Einführung dieser Dienstleistung in dieser Woche haben uns nur sehr wenige Anfragen auf Löschung bzw. Verwischen eines Gesichtes erreicht. Nichtsdestotrotz: Wo immer Löschungen oder nachträgliche Bearbeitungen/Verwischungen erbeten wurden, konnten wir innerhalb weniger Stunden die Bilder entsprechend entfernen.

Wir haben immer klargestellt, dass die Verwischungs-Technologie nicht völlig perfekt sein kann und dass anfangs die eine oder andere Ansicht in Street View noch ein Gesicht oder ein Kennzeichen enthalten könnte.

Um es ins richtige Verhältnis zu setzen: in den zwei Tagen nach dem Start von Street View gab es einen Anstieg des Nutzungsvolumens von 80% bei Google Maps, weil die Menschen online gingen, um die neue Funktion selbst zu entdecken.

Diese Menschen haben sich Millionen von Bildern in Street View angesehen. Und tatsächlich mündete weniger als eine von 20.000 Bildansichten in der Anfrage, ein Bild zu verwischen.

Vom allerersten Fotoapparat bis zu den Fernsehnachrichten heutiger Art liegt eines der fundamentalen Rechte in einer demokratischen Gesellschaft darin, dass man in der Öffentlichkeit Fotos machen darf.

Millionen von Menschen machen Tag für Tag Bilder an öffentlichen Orten und laden sie ins Internet hoch - ohne Mechanismen zum Schutz der Privatsphäre einzusetzen wie es sie in Street View gibt. Das Konzept der "öffentlichen Orte" ist in der Tat von fundamentaler Bedeutung für eine freiheitliche Gesellschaft.

Wir sind davon überzeugt, dass Informationen grundsätzlich Gutes bewirken und dass jedermann Zugang zu Ihnen erlangen können sollte - verbunden mit der Notwendigkeit des Schutzes der Privatsphäre. Wir werden die Gespräche mit dem Eidgenössichen Datenschutzbeauftragten zu seinen Bedenken fortsetzen, damit die Schweiz weiterhin von Street View profitieren und es geniessen kann.