VON CLAUDIA MARINKA

Zwei neue Streitfälle haben die Diskussion um Kruzifixe in Schweizer Schulzimmern entfacht. Im ersten Fall hatte eine Schule im luzernischen Triengen die Kruzifixe entfernt, nachdem ein Vater sich beschwert hatte. Der Vater hatte verlangt, dass die Kruzifixe in den Trienger Schulzimmern entfernt werden.

Er berief sich dabei auf ein Bundesgerichtsurteil von 1990, bei dem das höchste Schweizer Gericht zum Schluss gekommen war, dass Kruzifixe in Schulzimmern gegen die religiöse Neutralität verstossen. Im zweiten Fall war ein Lehrer im Wallis entlassen worden, weil er sich geweigert hatte, in seinem Schulzimmer das Kruzifix aufzuhängen.

«Anders als vom Bundesgericht geurteilt, schädigt das verordnete Entfernen religiöser Zeichen grundsätzlich die Religions- und Gewissensfreiheit», sagt nun Norbert Brunner, Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz, gegenüber dem «Sonntag».

Erstmals äussert sich damit der oberste Schweizer Katholik zur Kruzifix-Debatte: «Das Verbot von Kruzifixen wie von anderen religiösen Zeichen in öffentlichen Räumen verletzt die Glaubens- und Gewissensfreiheit eines bestimmten Personenkreises.» Deshalb findet er nicht, dass den Begehren der Eltern, die keine Kruzifixe in Schulzimmern haben wollen, stattgegeben werden soll: «Im Grundsatz nein.»

Die Glaubens-und Gewissensfreiheit bedeute nicht nur, dass niemand zum Glauben gezwungen werden dürfe, sondern auch, dass jeder das Recht habe, seinen Glauben in der Öffentlichkeit zu leben und zu bekennen. Religiöse Zeichen seien Ausdruck dieses «Öffentlichkeitscharakters» jeder Religion. Brunner: «Dass wir in der Schweiz, die von der christlichen Kultur geprägt ist, vor allem christliche Symbole im öffentlichen Raum antreffen, ist selbstverständlich.»

Derweil ist der Vater in Triengen LU Ende vergangener Woche mit seiner Familie weggezogen, nachdem sie anonyme Morddrohungen im Briefkasten erhalten hat.

Der Walliser Oberstufenlehrer Valentin Abgottspon will indes seine fristlose Kündigung nicht einfach so hinnehmen und beabsichtigt, gerichtlich dagegen vorzugehen. Der bekennende Freidenker hätte eine ordentliche Kündigung akzeptiert. Eine fristlose Entlassung sei in schweren Fällen wie sexuellem Missbrauch gängig – in diesem Fall erscheine ihm die Massnahme übertrieben.

TV-Tipp: Gehören Kruzifixe in unsere Schulzimmer? Darüber diskutieren CVP-Nationalrat Pirmin Bischof und Stefan Mauerhofer, Co-Präsident der Freidenker-Vereinigung Schweiz, auf Tele M1 im «Duell aktuell» unter der Leitung von Werner De Schepper. Dienstag, 18.30 Uhr (stündliche Wiederholung) oder auf www.telem1.ch

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