Von Anna Miller

Es wird nach Blumen riechen, im Büro. Nach weissen Blumen, weil Petra weisse Blumen mag. Die Wände werden blau sein, weil Petra blau mag. Will jemand sie sprechen, wird ein personalisierter Klingelton durch den Raum schallen.

Was mehr nach Traum als Wirklichkeit klingt, wird in ein paar Jahren Realität sein, sagen Zukunftsforscher. Das Büro passt sich den Bedürfnissen der Mitarbeiter an. Individualisierte Räume, Farben und Formen werden den Arbeitsplatz dominieren. Der Mitarbeiter und seine Bedürfnisse rücken stärker in den Fokus. Auch beim Design: Form trifft auf Funktion, Funktionalität auf Ästhetik.

«Oberflächen, Farben und Formen werden sich individuell an die Mitarbeiter anpassen», sagt Bitten Stetter, Professorin und Leiterin Trends am Departement Design der Zürcher Hochschule der Künste. Beispielsweise könnten Mitarbeiter in der Zukunft die Wandfarbe ihres Büros auf Knopfdruck wechseln, Licht je nach Laune individuell dimmen. «Intelligente Technologie wird direkt in die Möbel und Wände mit eingebaut.» So lassen sich natürliche Materialien mit Hightech verbinden.

Überall so schön grün hier
Die moderne Technologie wird dabei immer unsichtbarer: Büros werden papierlos, Drucker und Faxgeräte werden verschwinden, Kabel und Mäuse sind passé. Intelligente Oberflächen machen die Projektion von Inhalten auf jede Fläche möglich. Je technologisierter unsere Umgebung wird, desto stärker wollen wir zurück zur Natur: «Die Trends Nachhaltigkeit, Naturverbundenheit und Technologisierung werden Natur und Technik auch im Arbeitsbereich stärker verschmelzen lassen», sagt Stetter. Pflanzen würden als natürlicher Raumduft dienen oder können bei Bedarf die Regeneration der Mitarbeiter fördern – indem die Mitarbeiter gleich vor Ort gärtnern.

Mobile Arbeitsplätze in den Alpen sind bereits Realität – auch in der Schweiz. So können Mitarbeiter an der frischen Luft arbeiten, während die moderne Technologie sie mit der Welt verbindet. Der neue Campus von Apple im Silicon Valley soll, wenn er fertig gebaut ist, 13 000 Mitarbeitern Platz bieten. Er wird, so der Plan, zu 80 Prozent begrünt sein, sich vollumfänglich mit erneuerbaren Energien versorgen und kilometerlange Lauf- und Fahrrad-Wege enthalten, auf denen sich Mitarbeiter dann im Laufen zum Meeting treffen können.

Wie in Omas Stube
Fitness, Erholung und Gesundheit sind Schlüsselfaktoren für die Zukunft des Arbeitens. Die Menschen können am Arbeitsplatz der Zukunft lange Spaziergänge um den Campus machen, sich im grünen Park vor dem Haus erholen oder mit Fahrrädern umherfahren. Die Kantinen bieten verschiedene gesunde Gerichte an, Gesundheit, Aktivität und Spielspass rücken in den Fokus. Je nach Bedarf dienen Stühle in Zukunft als Stütze, als Fitnesstrainer oder als Liegefläche für eine kurze Erholungseinheit. Kurz: Es wird alles getan, um es dem Arbeitnehmer möglichst schwer zu machen, seinen Arbeitsplatz zu hassen.

Das sieht man an Giganten wie Google, die ihren Mitarbeitern heute bereits gratis Essen, Rutschen und Billardtische zur Verfügung stellen, damit sie sich möglichst wohl und frei fühlen. Das Wohlfühlambiente sei bei diesen Firmen jedoch keine nette Geste, sondern wirtschaftliches Kalkül. Denn: Fühlt sich ein Mensch wohl, bleibt er länger. Und arbeitet länger. Die Credit Suisse hat bereits 2011 ein Pilotprojekt in Oerlikon gestartet, wo Mitarbeiter keine festen Arbeitsplätze mehr haben, dafür einen Leseraum mit Club-Sesseln, Arbeitsplätze mit eingebautem Naturrauschen und einen üppigen Garten. So fühlt es sich ein bisschen an, als arbeite man gerade im eigenen Garten.

Der Trend zum Mega-Campus mit Wellness-Zone und In-House-Yoga trifft dabei auf den Trend des Wohnzimmer-Gefühls. Je digitaler der Job, desto haptischer die Arbeitsumwelt: Bei Facebook und Amazon codieren Informatiker zwischen Tausenden von Büchern ihre Programme. So erinnern diese Orte mehr an die gute alte Stube der Oma als das eigene Zuhause, das im Zuge des Home Offices immer stärker zum Büro wird. In Co-Working-Spaces arbeiten immer mehr Projektleiter, Freelancer und Teilzeitangestellte tage- oder wochenweise in einer Art zweitem Wohnzimmer. In der Schweiz schiessen mobile Arbeitsplätze wie Pilze aus dem Boden, Unternehmen wie Collab Zürich oder Projekte wie das Sofabüro in Bern bieten den digitalen Nomaden heimelige Bürofläche auf Zeit.

Die Zukunft der Arbeit ist für Denkarbeit nicht mehr an einen Ort gebunden. Ob Home Office, Co-Working-Spaces, lange Zugfahrten oder eine Hängematte am Strand: Alles wird zu einem potenziellen Büro. «Arbeit wird mithilfe der Technologisierung von überall aus stattfinden», sagt Daniela Tenger, Zukunftsforscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut. Arbeit werde in Zukunft projektbasierter, flexibler und ergebnisorientierter sein. Präsenz markieren, ohne produktiv zu sein, wird der Vergangenheit angehören.

Bei so viel Flexibilität werden soziale Fixpunkte umso wichtiger. Die Arbeitsplätze der Unternehmen werden in Zukunft deshalb zu sozialen Treffpunkten. Und müssen entsprechend eingerichtet sein: Mit modularen Möbeln, die individuell verschoben, vergrössert oder verkleinert werden können. «Runde, grosse Tische stehen in der Mitte des Raumes, intelligente Oberflächen machen Projektionen von Bildern an Wänden oder auf Tischen möglich», visualisiert Tenger. Angeregte Unterhaltungen würden durch Schalldämpfer oder durch neue intelligente Materialien gedämpft werden.

Daneben braucht es aber auch Orte für den Rückzug, um konzentriert und effizient arbeiten zu können. Einzelbüros werden in Zukunft wieder Einzug in Grossraumbüros halten – auch wenn viele grosse Schweizer Unternehmen mit neuen Investitionen in Grossraumbüros ohne Rückzugsmöglichkeiten im Moment den Anschein erwecken, dass Privatsphäre der Vergangenheit angehört. Zwar ist nicht bewiesen, dass diese Art von Arbeitsumfeld die Menschen krank oder ineffizient macht, jedoch zeigen Studien, dass die vermehrten Lärmquellen und der Mangel an Rückzugsmöglichkeiten Arbeitnehmende stören. «Menschen brauchen neben Freiheit auch einen Teil Privatsphäre», sagt Tenger.

Design wichtiger als Lohn?
Will ein Unternehmen in Zukunft gute Leute finden, muss es sich auf die individuellen Bedürfnisse der Arbeitnehmer einstellen. «Der grosse Zukunftstrend lautet Personalisierbarkeit», sagt Tenger. Die Entscheidungsfreiheit der Leute stehe im Zentrum. Man wolle nicht einheitliche Lösungen und Designs für die Masse, sondern individualisierte Konzepte. Die aktive Gestaltung des Arbeitsplatzes wird in Zukunft ein ausschlaggebender Faktor für die erfolgreiche Akquise junger Talente sein. «Im Kampf um High Potentials werden ‹aufregende› Arbeitsplätze immer wichtiger», sagt die Design-Professorin Britten Stetter. Die Arbeitsatmosphäre sei der jungen Generation am Ende sogar wichtiger als ein hohes Gehalt.

Sogar einen Schritt weiter geht Sibylla Amstutz, stellvertretende Leiterin des Kompetenzzentrums Typologie & Planung in Architektur an der Hochschule Luzern, sie sagt: Das Visuelle und die Ausstattung des Büros alleine zählen nicht. Auf den Service am Arbeitsplatz kommt es an. «Geräte werden bald Standard sein. Dienstleistungen zählen.» Damit könne man sich von der Konkurrenz abheben. «Zum Beispiel durch Hemdenservice oder das Einstellen eines Kochs, der einmal pro Woche für die Mitarbeitenden kocht.» Wer arbeiten kann, wo er will, braucht eben einen besonders angenehmen Grund, in Zukunft noch ins Büro zu kommen.

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