Schokolade, Käse und Banken – dafür kennt man die Schweiz in den USA. Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton ist noch aus einem ganz anderen Grund angetan von der Alpenrepublik: dem Gesundheitswesen. Das zeigen kürzlich veröffentlichte Dokumente auf Wikileaks. Die Enthüllungsplattform hat in den vergangenen Wochen fast 20 000 Seiten gehackter E-Mails von Clintons Wahlkampfleiter John Podesta ins Internet gestellt. Für besonders viel Aufsehen sorgten Ausschnitte aus ihren bezahlten Reden vor Wirtschaftsvertretern, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.

Bei einem Auftritt vor dem «Economic Club» der Stadt Grand Rapids im US-Bundesstaat Michigan sprach die Politikerin im Juli 2013 über das amerikanische Gesundheitswesen und kam in diesem Zusammenhang auch auf die Eidgenossenschaft zu sprechen: Clinton lobte, Staaten wie die Schweiz hätten nicht bloss eine Einheitskasse wie Kanada oder skandinavische Länder: «Sie haben gemischte Systeme mit sehr klaren Kontrollen über Budgets und Verantwortlichkeiten.»

Ein weiteres E-Mail aus Podestas E-Mail-Account offenbart, wie Clinton im Jahr 2007 davon schwärmte, dass in der Schweiz alle Bürger ein Minimum an Leistungen erhielten und je nach Wunsch Zusatzversicherungen abschliessen könnten. «Diese Systeme scheinen besser zu funktionieren (als rein staatliche Gesundheitssysteme; Anm. d. Red.), weil die Menschen eine Auswahl haben. Wir müssen auch in unserem Land Wahlmöglichkeiten aufrechterhalten, das ist Teil der amerikanischen Kultur.»

Alles begann mit «Hillarycare»
Auf den ersten Blick erstaunt es, dass eine amerikanische Präsidentschaftskandidatin derart profunde Kenntnisse vom Gesundheitswesen eines Landes mit acht Millionen Einwohnern hat. Doch Gerold Stucki, Professor am Seminar für Gesundheitswissenschaften und Gesundheitspolitik der Universität Luzern, wiegelt ab: «Mich überrascht das überhaupt nicht.» Zu Beginn von Bill Clintons Präsidentschaft Anfang der 1990er-Jahre habe Hillary eine Task-Force geleitet – mit dem Ziel, eine Gesundheitsreform aufzugleisen. Dabei seien auch Systeme in Europa und Kanada diskutiert worden, so Stucki. Das als «Hillarycare» bekannt gewordene Reformprojekt scheiterte 1994 am Widerstand der Republikaner.

Der Gesundheitswissenschafter hält Clintons Aussagen zur Schweiz für präzis: «Die von ihr positiv erwähnte Kostenkontrolle besteht darin, dass der Bundesrat die Medikamentenpreise und Krankenkassenprämien reguliert.» Auch die Wahlmöglichkeiten bei der Grundversicherung – jedes Jahr kann zu einer günstigeren Versicherung gewechselt werden – habe Hillary Clinton «treffend beschrieben».

Ein Blick in das Zeitungsarchiv zeigt, dass auch Hillarys Ehemann und Ex-Präsident Bill ein Anhänger des Schweizer Gesundheitswesens ist. 2010 sagte er am Rande des World Economic Forum in Davos gegenüber Journalisten der «Aargauer Zeitung» und der «Schweiz am Sonntag»: «Als Hillary und ich 1994 das US-Gesundheitssystem reformieren wollten, haben wir das Schweizer System genau angeschaut, es war in vielem unser Vorbild.»

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