Ein normaler Tag in einem Kindergarten im Mittelland. Die Heilpädagogin sagt zur Klassenlehrerin: «Siehst du, wie langsam das Mädchen Znüni isst!? Ich bin dafür, dass wir das beim Elterngespräch erwähnen und gleich eine Therapie vorschlagen, wenn das nicht bessert. Und überhaupt, die Farben kennt sie auch noch nicht.» Von der Szene berichtet die betroffene Klassenlehrerin dem «Sonntag». Sie hat sich geweigert, die angeblichen Defizite des Mädchens beim Elterngespräch zu thematisieren.

«Sehr viele Fachkräfte unterstützen sich gegenseitig in ihrer Therapie-Hysterie», sagt die Lehrerin zum «Sonntag». «Klassenlehrer kommen sogar in Bedrängnis, wenn sie nicht ein bis vier Kinder pro Klasse therapieren wollen.»

Der ganz normale Alltagswahnsinn – nicht nur im Vorschulbereich («Der Sonntag» berichtete), sondern auch ganz am Anfang der Schulkarriere. «Schätzungsweise 30 Prozent aller Kinder im Kindergarten werden abgeklärt», sagt Lilo Laetzsch, die Präsidentin des Zürcher Lehrerverbandes. Manche Kinder würden in der Folge eine Stunde lang therapiert, andere bis zu einem Jahr. «Wir gehen sehr verantwortungsbewusst mit Abklärungen um», sagt Laetzsch. Aber sie ist sich auch bewusst: «Angebot schafft Nachfrage.»

Tatsächlich bauen Gemeinden und Kantone das Therapieangebot stetig aus. Im Kanton Aargau bestehen in den Psychomotorikambulatorien Wartelisten. Zum 1.Januar 2012 werden die Ressourcen erhöht: Pro 100 Kinder, die die Regelschule besuchen, werden neu 45 Stunden zugesprochen. Bisher waren es 36.

Auch in der Stadt Zürich zeigt sich der Zuwachs: Waren 2008 im Bereich Logopädie noch 47 Vollzeiteinheiten bewilligt, waren es 2010 bereits 65. Das gleiche Bild zeigt sich im Bereich Psychomotorik: Hier wurden 2008 19 Vollzeiteinheiten verzeichnet, 2011 sind es bereits 23.

Weil die Zahl der therapierten Kinder im Kanton Zürich von Gemeinde zu Gemeinde stark variiert, will der Kanton nun handeln: «Wir denken über eine Monitoring-Stelle nach, welche die Sonderschulangebote in den einzelnen Gemeinden vergleicht und die Gemeinden unterstützt», sagt Urs Meier, stellvertretender Amtschef im Volksschulamt des Kantons.

Der Druck auf die Lehrer steigt. «Sie müssen bei jedem Kind genau herausfinden, warum es Schwierigkeiten gibt und diese dann möglichst schnell beheben», sagt Anita Crain, Stufenleiterin Volksschulen in Basel-Stadt. Sie begrüsse zwar, dass Kinder mit Therapien gefördert werden, gibt aber auch zu, dass ein Übermass an Therapieangeboten vorhanden sei.

In Basel-Stadt besucht eine Heilpädagogin Anfang Jahr jede Kindergartenklasse. Ihr Auftrag: Herausfinden, wo die Kinder in ihrer Entwicklung stehen. «Viele Kinder kommen aus mehrfach belasteten Familien und haben einen umfassenden Förderbedarf», sagt Anita Crain. Sie beobachtet: «Deutlich zugenommen haben Schwierigkeiten im sprachlichen Bereich, aber es gibt auch mehr Kinder mit Auffälligkeiten im psychischen Bereich.» Diese Kinder hätten auch Probleme im Beziehungsverhalten. Crain: «Sie verfügen oft über eine niedrige Frustrationstoleranz und über wenig Stabilität im emotionalen Bereich.»

Die besagte Kindergartenlehrerin, die seit über 30 Jahren ihren Beruf ausübt, ist überzeugt, dass viele Kinder heute von Experten schlechtgeredet werden. Sie rät Eltern, ruhig zu bleiben: «Ich habe noch nie so viele Mütter weinen sehen, wenn ich ihnen sage, sie hätten ein ganz normales, wundervolles Kind.»

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