Von Felix Lee

was für ein Paukenschlag, den die Volksrepublik zu Beginn der zurückliegenden Woche ausgelöst hat: Völlig überraschend hob die chinesische Zentralbank die bislang weitgehend von ihr fix festgelegte Dollarbindung auf, was drei Tage in Folge eine Abwertung der chinesischen Landeswährung auslöste. Um mehr als 4 Prozent verlor der Yuan zum US-Dollar an Wert. Das sorgte weltweit für Entsetzen. Aktienmärkte spielten verrückt, der Ölpreis rutschte in den Keller. Währungen vor allem von Ländern mit einem hohen Anteil an Rohstoffexporten in die Volksrepublik gerieten unter Druck.

Angesichts der heftigen Turbulenzen an den chinesischen Börsen in der ersten Juli-Hälfte erhärtet sich der Eindruck: Die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt legt derzeit eine viel härtere Landung hin, als es die chinesische Führung zugibt. Das Wachstum schwächt sich weiter ab, die Exportwirtschaft brach im Juli um 8,3 Prozent ein. Geld fliesst aus dem Land. Es werden Zweifel laut, dass China in diesem Jahr nicht einmal das selbst gesteckte Wachstumsziel von 7 Prozent erreichen wird. Dabei wäre dieser Wert bereits die langsamste Steigerung seit über 25 Jahren. Für ein Schwellenland wie China zu wenig.

Die Abkopplung des Yuan zum US-Dollar zu diesem Zeitpunkt ist allerdings konsequent. Im Gegensatz zu China erweist sich die US-Wirtschaft als robust. In den USA wächst die Industrieproduktion, die Arbeitslosigkeit geht zurück. Seit Monaten wird damit gerechnet, dass die US-Notenbank Fed nach Jahren der lockeren Geldpolitik die Zinsen erhöht und für einen massiven Kapitalzufluss aus aller Welt in die USA sorgen wird. Das dürfte die Konjunktur der Amerikaner noch mehr ankurbeln.

China kann da nicht mithalten. «Es ist richtig, dass die Chinesen angesichts ihrer schwächelnden Wirtschaft ihre Währung nicht länger fix an die Währung einer starken Volkswirtschaft koppeln», schreiben die Volkswirte der französischen Bank Société Générale in einer Marktanalyse. Sie gehen davon aus, dass der Yuan um rund 13 Prozent überbewertet war. Mit weiteren Abwertungen sei daher zu rechnen. Zum Vergleich: Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Probleme in südeuropäischen Ländern hat der Euro zum Dollar innerhalb von einem Jahr um mehr als 30 Prozent an Wert verloren. Eine Korrektur beim Yuan war also überfällig.

Doch auch die finanziellen Verluste des Börsencrashs Anfang Juli sind nicht das eigentliche Problem. Zwar haben viele Anleger wohl viel Geld verloren, was sich in den nächsten Monaten negativ auf den Konsum auswirken wird. Viel gravierender sind aber die politischen Folgen. Chinas Kapitalmarkt gilt als unausgereift. Unter den Banken gibt es kaum Wettbewerb. Für Anleger finden sich nur wenig glaubwürdige Finanzprodukte, institutionelle Anleger fehlen fast völlig. Viele Chinesen häuften in den vergangenen Jahren grosse Vermögen an. Weil Anlagemöglichkeiten fehlen, horten viele ihr Geld zu Hause. Was Anleger im Zuge der Börsenturbulenzen verloren haben, lag vorher bar wie Casino-Spielgeld zu Hause. In eine Schuldenfalle rutschen die meisten von ihnen nicht ab. Insofern gefährden diese Verluste auch keine Banken.

Hinzu kommt, dass anders als etwa an der Wall Street auch die Unternehmensfinanzierung in China nicht von der Entwicklung an den Aktienmärkten abhängt. Die grossen chinesischen Staatsfirmen wurden vom Staat gerettet, sollten sie in finanzielle Schieflage geraten. Genau das wollte der liberale Flügel in Chinas Führung um Premierminister Li Keqiang ändern. Er liess vor einem Jahr die Geldschleusen öffnen und ermutigte damit die Bürger, an den heimischen Börsen zu investieren.

Li hoffte, mit einer Liberalisierung der Aktienmärkte könnte nicht nur die schwächelnde Wirtschaft belebt werden. Er wollte auch mit den grossen Staatsunternehmen und seinen mächtigen Parteisekretären aufräumen. Die Staatsunternehmen sollten sich sehr viel stärker auf den Märkten behaupten müssen.

Mit dem Börsenkrach scheiterte das Ansinnen kläglich. Damit die Kurse nicht weiter abrutschten, veranlasste die Staatsführung massive Stützungskäufe und setzte den Verkauf von mehr als zwei Drittel aller gehandelten Papiere aus. Der Flügel, der an einer mächtigen Staatswirtschaft festhalten will und Li Keqiangs Reformen bekämpft, sieht sich bestätigt, dass China nicht bereit ist für mehr Liberalisierung. Den Reformflügel haben sie geschwächt. Allerdings haben seine Gegner auch keine Lösungen parat. Diese mangelnde Reformbereitschaft stellt derzeit die grösste Gefahr für die Weltkonjunktur dar.

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