Frau Pilloud, Sie sind auf Facebook, Twitter und als Bloggerin aktiv. Warum?
Jeannine Pilloud: Es gibt mir die Chance, ungezwungen in Kontakt mit unseren Kundinnen und Kunden, aber auch mit Mitarbeitenden zu kommen. Mir gefällt, dass die Hemmschwelle, mir zu schreiben und auf ein Problem aufmerksam zu machen, über diese Neuen Medien tiefer ist. So erhalte ich oft ungefiltertes Feedback. Und die Social Media machen mir auch Spass, ich habe ja mal Publizistik studiert und die Journalistenschule gemacht.

Was schreiben Ihnen denn die Leute?
Das sind oft ganz konkrete Dinge wie der Ärger über geschlossene WCs oder zu wenige Sitzplätze. Oder über einen wässrigen Kaffee vom Wägeli … Es kommen aber auch immer wieder gute Ideen rein.

Ärgern muss man sich oft, wenn man im Zug telefoniert oder im Internet surft: Man fliegt dauernd aus der Leitung. Stört Sie das nicht?
Nicht wirklich, weil ich die Hintergründe kenne. Die Technik ist extrem komplex, besonders dann, wenn der Zug schnell fährt und viele Leute gleichzeitig online sind. Aber wir arbeiten mit den Telekomanbietern an Lösungen. An den neuralgischen Achsen werden die Antennen verstärkt. Wir sind mit Hochdruck daran, die Leistung um den Faktor fünf bis zehn zu verbessern: Heute kann man bei den Datenmengen in einem Zug von 5 bis 8 Megabit pro Sekunde ausgehen, künftig sollen es 40 bis 50 Megabit sein.

Wann ist es endlich so weit?
Auf der Ost-West-Achse wird man in zwei, drei Jahren mit hoher Qualität surfen und telefonieren können. Die Telekomanbieter haben uns versprochen, dass es auch auf der Nord-Süd-Achse besser wird, dort dauert es aber noch drei bis vier Jahre. Verbesserungen sind uns sehr wichtig, denn der Zug hat einen grossen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Auto: Man kann nicht nur telefonieren, sondern mit den mobilen Geräten sämtliche Dienstleistungen nutzen. In wenigen Jahren werden 70 bis 80 Prozent aller Telefongeräte Smartphones sein – heute besitzen bereits 80 Prozent der Jugendlichen ein Smartphone –, doppelt so viele wie vor zwei Jahren!

Die SBB könnten doch schon morgen das WLAN in den Zügen verstärken, da müssen Sie nicht auf die Telekomanbieter warten.
Das beste WLAN im Zug nützt nichts, wenn das Signal zur nächsten Antenne versagt. Wir investieren viel, um die Wagen mit den neusten Repeatern auszustatten – diese verstärken das Signal. Diese Aufrüstung ist jetzt im Gang, und das neue Rollmaterial wird man diese schon eingebaut haben. Es braucht aber entlang der Bahnlinien auch mehr Antennen, da sind wir mit den Telekomanbietern am Ausbauen.

Sie haben von der Ost-West- und Nord-Süd-Achse gesprochen. Heisst das, dass im Regionalverkehr WLAN und besserer Handyempfang kein Thema sind?
Doch, ein besserer Handy- und Internetempfang ist immer ein Thema. Weil diese Züge langsamer unterwegs sind, kann man dort schon heute besser telefonieren als zwischen Bern und Olten mit 200 km/h. Zudem fahren die Regionalzüge durch verdichtetes Gebiet, wo es mehr Antennen hat. Bei den Fensterscheiben der S-Bahnen haben wir zudem darauf geachtet, dass sie nicht abschirmend wirken und dadurch der Empfang besser wird.

Wer heute das Internet im Zug oder auf den Bahnhöfen über WLAN nutzen will, muss zahlen. Bleibt das so?
Wir diskutieren zurzeit über kostenloses WLAN am Bahnhof, der Entscheid steht noch aus. Zurzeit gibt es WLAN an rund 30 Bahnhöfen, künftig könnten es 60 bis 100 sein. Swisscom-Kunden können heute schon grössere Datenmengen am Bahnhof runterladen. Am Bahnhof geht es einfacher und schneller als im Zug.

Hat diese Internet-Offensive auch mit dem geplanten elektronischen Ticket zu tun?
Der Billettverkauf über Internet und Handy wird wichtiger, denn nur diese neuen Kanäle zeigen ein Wachstum. Schalter und Billettautomaten wird es weiterhin geben, aber damit können wir keine neuen Kunden mehr ansprechen. Die Zukunft gehört dem elektronischen Ticket – wir sprechen provisorisch von der öV-Karte –, doch darüber können die SBB nicht allein entscheiden, das ist Sache des gesamten öffentlichen Verkehrs.

Wie muss man sich diese öV-Karte vorstellen?
Es gibt heute in der Schweiz 4,5 Millionen Menschen, die irgendein Abo haben. Diese werden künftig dieselbe Karte haben, welche sich mit den diversen Angeboten – den Abo-Arten oder Einzeltickets – laden lässt. Allerdings wird keine der bisherigen Ticketformen verschwinden, es kommt einfach diese neue öV-Karte dazu, die mehr und mehr an Bedeutung gewinnen und auf längere Sicht hinaus das Papier-Billett ganz ablösen wird.

Wann werden denn die SBB das letzte SBB-Papierbillett verkaufen?
Das kann niemand genau sagen. Vielleicht in 15 Jahren, vielleicht geht es auch schneller.

Diese Idee eines elektronischen Tickets ist nicht neu: Vor zehn Jahren hiess das bei den SBB «Easy Riding». Wann kommt diese öV-Karte tatsächlich?
Das Projekt – es betrifft die ganze Branche – wird nun konkret. In etwa zwei, drei Monaten wird es entschieden sein. Ist der Entscheid da, geht es an die technische Umsetzung.

Wird die öV-Karte nicht dazu missbraucht werden, Preiserhöhungen durchzusetzen? Tarifrunden gibt es ja ohnehin jedes Jahr ...
Früher hat man leider bei Investitionen zu wenig an die Folgekosten gedacht bzw. diese allein auf die öffentliche Hand überwälzt. Heute ist man sich in Politik, bei den SBB und in der öV-Branche einig, dass auch der Nutzer seinen Teil beisteuern soll. Das führt zu begründeten Preiserhöhungen, aber das hat mit der öV-Karte nichts zu tun.

Die SBB stehen unter Spardruck vom Bund: Dieser verlangt, dass Sie die Regionallinien überprüfen – bei 175 von 300 soll eine Umstellung auf Busbetrieb geprüft werden. Was halten Sie davon?
In einem Leserbrief hiess es, das sei etwa so, wie wenn man bei einem Apfelbaum alle Äste abschneiden würde, in der Meinung, am Stamm würden die grösseren Äpfel wachsen. Das ist ein treffendes Bild. Ohne gut ausgebauten Regionalverkehr würde auch der Fernverkehr einbrechen. Alles hängt zusammen. Wir würden unser gesamtes Verkehrssystem gefährden! Zudem: Wenn Sie noch mehr Verkehr von der Schiene auf die Strasse verlagern, kommt es in unserem Land, wo der Boden immer knapper wird, zum Kollaps.

Sie verweigern sich also dem Auftrag des Bundes?
Nein. Es ist richtig, dass man die Strecken analysiert, wir tun das übrigens laufend. Aber das sind Momentaufnahmen. Wichtig ist die Perspektive: Die Investitionen, die wir zurzeit im Regionalverkehr tätigen, sind langfristig angelegt, für die nächsten 15 bis 30 Jahre. Letztlich also für die Zeit, wo die Schweiz gegen 10 Millionen Einwohner haben wird. Das Passagierwachstum auf diesen Linien folgt erst mit einer gewissen Verzögerung. Wenn auf einer Strecke heute nur drei Leute fahren und man annehmen muss, dass es in einigen Jahren auch nicht mehr sein werden – dann wäre es Folklore, diese aufrechtzuerhalten. Aber solche Beispiele sind mir nicht bekannt.

Was passiert denn nun mit den 175 Strecken, die angeblich auf Bus umgestellt werden
müssen?

Letztlich werden die Kantone entscheiden, was für ein Angebot im Regionalverkehr wir haben. Sie bestellen die Dienstleistung bei uns und zahlen dafür. Und wir haben den Eindruck, dass kein Kanton wünscht, dass man bewährte Angebote aufhebt.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

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