Autofahrer sehen diesen Sommer orange. Wohin das Auge blickt, reissen Bauarbeiter Strassen auf und vermiesen die freie Durchfahrt. Es stockt und staut. Zwar sind in den Ferien deutlich weniger Autos auf den Strassen unterwegs, doch an freie Fahrt ist nicht zu denken. Gemeinden, Kantone und der Bund nutzen die Gunst der Stunde, um Strassen zu sanieren und auszubauen, wenn die halbe Schweiz ausgeflogen ist. Besonders deutlich zeigt sich der Bauboom in Zürich. Zehn Baustellen auf gut frequentierten Strassen zählt die Stadt Zürich aktuell. Besonders schwierig ist die Durchfahrt am Bellevue und an der Rosengartenstrasse, komplett gesperrt ist gar der Albisriederplatz.

Doch nicht nur in der Stadt ist die Hölle los. Der Kanton Zürich investiert dieses Jahr so viel Geld in Baustellen wie seit Jahren nicht mehr. Für 181 Millionen Franken baut der Kanton seine Strassen aus. Ein Grund für das Rekordvolumen sind teure und aufwendige Baustellen in Wetzikon und Bülach.

Gebaut wird in der ganzen Schweiz. Etwa im Aargau. 58 Baustellen gibt es dort auf dem 1200 Kilometer langen Kantonsstrassen-Netz. In den Jahren zuvor waren es 45 bis 50 gewesen. «Wir waren mit den Strassensanierungen im Verzug», sagt Benno Schmid vom Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons Aargau. Eigentlich sollten jedes Jahr 40 Kilometer saniert werden, in den letzten Jahren gelang das nicht immer. «Nun holen wir auf.»

Im Kanton Solothurn gibt es momentan sechs Gross-Baustellen, in Baselland vier und Basel-Stadt zwei. «Im Sommer wird nicht mehr gebaut als im Winterhalbjahr», sagt Marc Keller vom Bau- und Verkehrsdepartement des Kantons Basel-Stadt. Im Sommer kämen zum üblichen Bauvolumen jedoch kurze Projekte hinzu und solche, die eine vorübergehende Vollsperrung bedingten.

Auch der Bund nutzt den Sommer für die Erneuerung der Autobahnen. Aktuell seien etwa 20 grosse Projekte in der Realisierung, sagt Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamtes für Strassen (Astra). In diesem Jahr würden 1,24 Milliarden Franken in das Netz investiert.

Freie Fahrt in den Sommerferien – das war einmal. Die Baustellen-Flut sorgt für rote Köpfe, und doch machen die Schweizer Strassenbauer vieles richtig. Selbst Transportunternehmer Ulrich Giezendanner (SVP) gibt dem Astra gute Noten. Natürlich habe es viele Baustellen, doch diese seien nötig, da die Strassen in einem schlechten Zustand seien. «Während früher Baustellen deutlich länger die Fahrspuren blockierten, geht es heute zügiger voran.» Dies liege daran, dass vermehrt in der Nacht und auf kürzeren Abschnitten gearbeitet werde. «Dadurch kann der Verkehr besser fliessen.» Mache das Astra so weiter, habe die Schweiz eine «akzeptable Situation».

In der Tat geht das Astra Projekte heute anders an als noch vor zehn Jahren. Das Nationalstrassennetz werde immer älter, und gleichzeitig steige das Verkehrsaufkommen, sagt Astra-Sprecher Rohrbach. Deshalb verfahre das Astra nach neuen Grundsätzen.

> Rollende Baustellen: Nach Möglichkeit folgen die Arbeiten in kleinen Bauetappen von etwa fünf Kilometer Länge.

> Bonus-Malus-Systeme: Mit Anreizen werden die Bauunternehmer zu schnellem Bauen animiert.

> Mehrschichtbetrieb: Generell soll im Zweischichtbetrieb à je 9 Stunden gearbeitet werden und Deckbeläge sollen in der Nacht ersetzt werden.

> Fahrspuren: Sollen nicht abgebaut und Verkehrsumleitungen sollen vermieden werden.

Der oft geäusserte Wunsch, auf jeder Baustelle 24 Stunden am Tag zu arbeiten, lässt sich allerdings nicht immer umsetzen. So ist etwa ein Dreischichtbetrieb im Kanton Zürich kein Thema. Dafür versuche man, zwei Grundsätze umzusetzen, sagt Markus Pfanner von der Baudirektion des Kantons Zürich. Einerseits sollen der Ersatz von Deckbelägen und Vollsperrungen wenn möglich am Wochenende stattfinden. Andererseits werde wenn möglich das Tageslicht ausgenutzt und im Sommer von etwa 6 bis 20 Uhr gearbeitet.

Auch auf den Autobahnen wird nicht immer rund um die Uhr gearbeitet. Thomas Rohrbach vom Astra begründet dies mit praktischen Problemen. Ab 22 Uhr gelte etwa ein Fahrverbot für alle Lastwagen, auch für jene, die Baustellen beliefern – und Ausnahmebewilligungen kosten. Zudem seien gewisse Arbeiten sehr laut. Im Gegensatz etwa zu Deutschland liegen viele Schweizer Autobahnen in der Nähe von Ortschaften.

Das Tageslicht zu nutzen, ist auch aus Gründen der Sicherheit sinnvoll: Die schwersten Unfälle entstehen in der Nacht, wenn die Verkehrsführung geändert ist und mehr alkoholisierte Lenker unterwegs sind. Ganz ohne Nachtarbeit geht es aber nicht.

Das neue Regime des Astra zeigt seine Wirkung. «Im Vergleich zu früher wird heute Wert auf eine effiziente Arbeitsweise gelegt», sagt Stephan Müller vom TCS. Konsequent komme eine vierstreifige Verkehrsführung zum Zuge, der Zweischichtbetrieb sei die Regel. Hinzu komme: Auf gewissen Abschnitten wird ausschliesslich nachts gearbeitet. So umgesetzt bei der Sanierung des Cityrings in Luzern – während vier Jahren.

Auf dem Autobahn-Netz sind Baustellen denn auch nur für einen geringen Teil der Staustunden verantwortlich. Insgesamt stauten sich vergangenes Jahr die Autos und Lastwagen während 21 541 Stunden. Hauptgrund war die Überlastung. Und nur 674 Stunden gingen auf das Konto von Baustellen. Das sind über 300 Stunden weniger als noch im Jahr 2013.

Unter dem Strich nimmt die Zahl der Staustunden allerdings stetig zu. Der Krisenherd ist die Nordumfahrung Zürich. An durchschnittlich 9 Stunden pro Tag und Richtung staute sich dort der Verkehr 2014. Das ist noch einmal eine Stunde mehr als zwei Jahre zuvor, wie neue Zahlen der Verkehrsinformation Viasuisse zeigen.

Dies wird sich noch verschlimmern. Grund dafür: Der Abschnitt ist mit etwa 6000 Autos pro Stunde in Spitzenzeiten bereits jetzt komplett überlastet. Kommen nur schon 200 Autos dazu, kollabiert das System. Linderung verspricht der durchgehende Ausbau auf sechs Spuren. Doch auch mit diesem wird der Stau nicht verschwinden. Denn wie auf allen Strassen sind immer mehr Autos unterwegs. Das erhöht auch die Anzahl Bauarbeiten. «Der Bedarf für Unterhalts- und Ausbauarbeiten wird weiter zunehmen», sagt Astra-Sprecher Rohrbach.

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