Der verstorbene Swisscom-Chef Carsten Schloter litt unter schweren Schlafstörungen. Wie Vertraute Schloters berichten, konnte er während Wochen nicht mehr schlafen. Dies habe er auch seinen engsten Mitarbeitern in der Geschäftsleitung von Swisscom mitgeteilt. Diese zeigten sich besorgt und fragten nach, «ob er es noch im Griff» habe. Schloter habe darauf geantwortet: «Ja, klar habe ich es im Griff.» Damit war das Thema vom Tisch. Der Verwaltungsrat und die Personalabteilung wurden über die Aussagen Schloters nicht unterrichtet.

Der Swisscom-Chef nahm sich am Dienstag, 23. Juli, das Leben. Zuvor war er mit seinen Kindern zwei Wochen in den Bergen in den Ferien. Er trennte sich von seiner Frau bereits vor Jahren, was er in einem Interview einst als seine «grösste Niederlage» bezeichnete. Gemäss mehreren Quellen ist er nicht mehr zur Arbeit zurückgekehrt. Er wurde am Montag am Swisscom-Hauptsitz in Worblaufen BE nicht gesehen. Am Dienstag wurde er in seinem Haus in der Westschweiz leblos aufgefunden.

Ein Vertrauter sagt gegenüber der «Schweiz am Sonntag», Schloter habe unter einem klassischen Burnout mit Schlaflosigkeit gelitten. Er habe sich nicht medizinisch behandeln lassen und habe auch keine Medikamente genommen. Die gesundheitlichen Probleme hätten sich im Frühling zugespitzt. Gegen aussen waren dem Manager die Probleme kaum anzumerken. Ein Kadermann sagt: So wie er das beurteilen könne, habe er ihn in den letzten Wochen völlig normal erlebt. Dies sei nicht immer so gewesen. Besonders angespannt sei er gewesen, als er den Abschreiber auf der Fastweb-Beteiligung vornehmen musste.

Vertraute sagen, dass er auch unter der Restrukturierung der Geschäftsleitung litt, die vor knapp einem Jahr erfolgte. Diese hatte zur Folge, dass er den direkten Einfluss auf das gewichtige Schweizer Geschäft verlor. Gegenüber Vertrauten beklagte sich Schloter zudem darüber, dass sich VR-Präsident Hansueli Loosli immer stärker ins operative Geschäft einmische. Der langjährige Coop-Chef übernahm das Swisscom- Präsidium im September 2011.

In den letzten Monaten machte Schloter sein Leiden indirekt publik. In mehreren Interviews ging er auf die ernorme Arbeitsbelastung ein und thematisierte seine Schwierigkeit, einen gesunden Ausgleich zwischen Arbeit und Privatleben zu finden.

Es begann mit einem Interview in der «Medienwoche». Offen sprach er über seine Trennung von seiner Frau. «Es war einfach etwas sehr Einschneidendes in meinem Leben passiert. (Pause) Es war ein reales Scheitern und in diesem Sinn eine einmalige Erfahrung.» – «Ich habe mir überlegt, wie ich damit umgehe, und habe entschieden, offen darüber zu reden. Sonst versucht man, den Starken zu spielen – und glaubhaft ist das eh nicht.» Und weiter sagte er: «Was bedeutet es, souverän zu sein? Wenn souverän bedeutet, relaxed zu sein, dann war ich das wahrscheinlich noch nie.» Er habe immer ein enormes Mass an innerer Spannung.

Im Mai gab er in dieser Zeitung ein weiteres Interview. «Die modernen Kommunikationsmittel haben auch ihre Schattenseiten», sagte er. «Das Gefährlichste ist, wenn man in einen Modus der permanenten Aktivität verfällt. Wenn man auf seinem Smartphone dauernd nachschaut, ob neue Mails reingekommen sind.» Dies führe dazu, dass man zu keiner Ruhe mehr finde. Jeder habe aber auch eine Verantwortung für sich selbst – «und soll sein Handy auch mal ausschalten». Er stelle bei sich fest, dass er immer grössere Schwierigkeiten habe, zur Ruhe zu kommen, das Tempo herunterzunehmen. «Vielleicht liegt das am Alter.»

Schloter beklagte sich darüber, kaum mehr ein Zeitfenster zu haben, in dem man frei ist von jeder beruflichen und privaten Verpflichtung. Jeder Mensch brauche solche Zeitfenster. Irgendwann komme ein Punkt, an dem man das Gefühl erhalte, nur noch von einer Verpflichtung zur nächsten zu rennen. «Das schnürt Ihnen die Kehle zu.»

Diese Aussagen sind für einen Chef eines grossen börsenkotierten Unternehmens äusserst unüblich. Trotzdem wurden sie intern nie offiziell angesprochen. Weder vom Verwaltungsrat noch von seinen Kollegen in der Geschäftsleitung. Ein Kadermann sagt, dass die Swisscom sämtliche Vorkehrungen kenne, um Mitarbeitern in Krisensituationen zu helfen.

Im Juni trat Schloter am Swiss Economic Forum (SEF) auf. Swisscom sponserte das Panel «‹Lifebalance› – Arbeit zwischen Lust und Frust». Es war der Swisscom-Chef persönlich, der das Thema setzte. Schloter referierte, wie Manager trotz vollem Terminkalender noch Zeit finden, um ein ausgeglichenes Leben zu führen. Er sprach über Personalführung und gestand ein, dass er nicht in einer Welt leben wolle, in der die Informationen keine «Liegezeit» mehr haben dürften. Am Schluss wurde er von einem Teilnehmer gefragt, ob er denn die von ihm aufgestellten Regeln auch anwenden würde. Schloter lächelte und verneinte.

Nach der Veranstaltung wurden Schloter an einem Empfang erwartet. Doch der Topmanager war nicht erschienenen. Spontan entschied er sich, mit Kollegen eine Radtour zu unternehmen. Schloter war ein leidenschaftlicher Velofahrer. Die Swisscom-Mitarbeiter vor Ort liess er im Dunkeln über diese Eskapade. Sie warteten vergeblich auf ihn.

Die Swisscom will sich dazu nicht äussern und wiederholt ein bereits früher gemachtes Statement: «Das Geschehene hat uns alle völlig überrascht und wir sind tief betroffen.»

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