Es war beim Debriefing ihres schwersten Einsatzes: Zusammen mit einem Psychologen wollten die Mitglieder der Feuerwehr Siders über die schrecklichen Bilder im Tunnel sprechen. «Wir waren in einem Saal und bemerkten, dass auch zwei Personen dabei waren, die wir nicht kannten», sagt Kommandant Reynold Favre dem «Sonntag». Es habe sich herausgestellt, dass es zwei Journalisten waren: «Jemand von einem privaten Lokalfernsehen und ein Vertreter einer ausländischen Zeitung.» Man habe sie darauf aufmerksam gemacht, dass dies keine öffentliche Informationsveranstaltung sei, worauf die Medienleute den Saal sofort verlassen hätten.

Kein Einzelfall: Im Spital von Visp waren die sechs weniger schwer verletzten Kinder untergebracht. Das Gelände wurde zwar abgesperrt, doch mehrere Journalisten versuchten, auf die Abteilung der Kinder vorzudringen. Schliesslich musste die Polizei einschreiten, wie die Sprecherin der Walliser Spitäler, Florence Renggli, bestätigt. Eine Pflegerin der Kinderabteilung in Visp sagt: «Es war schon so schwer genug.»

Ähnliche Szenen spielten sich vor dem Kantonsspital in Sitten ab. «Medienleute übten grossen Druck auf das Spitalpersonal aus, um an Informationen zu kommen», sagt Sprecherin Renggli. Zwei ausländische Journalisten mussten von privaten Sicherheitsleuten aus dem Spital gewiesen werden. Dabei wurde in den auf vier Sprachen abgefassten Spital-Communiqués klar betont, dass im Spital keine Interviews mit den Kindern oder deren Familie organisiert werden – «um die Gesundheit der Verletzten zu wahren und ihre Privatsphäre zu schützen».

Für Unverständnis sorgte in sozialen Medien wie Twitter, dass die Agentur Reuters die Medien mit einer Live-Cam vor der Leichenhalle in Siders belieferte. Dort trafen Angehörige ein, um die toten Kinder zu identifizieren. Blick.ch übernahm diesen Stream.

Weiter kritisierte der Presserat den «Blick» für die Veröffentlichung von Fotos der Opfer: Das Fehlen von öffentlichem Informationswert sei unverkennbar, sagte Präsident Dominique von Burg. Kritik kam auch von der flämischen Medienministerin Ingrid Lieten: «Wir alle wollen den Schmerz teilen, aber es gibt Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen.»

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