VON SANDRO BROTZ

Dort, wo er sich am wohlsten fühlt, startete Erwin Beyeler seine Gegenoffensive: in der Heimat. Der oberste Ankläger des Bundes ist in Neuhausen am Rheinfall aufgewachsen, hatte in der Region eine eigene Anwaltskanzlei und war Kommandant der Stadt- und Kantonspolizei Schaffhausen. Auf vermeintlich sicherem Terrain gab Beyeler den lokalen «Schaffhauser Nachrichten» ein langes Interview zu den Lügen-Vorwürfen in der Akte Ramos.

Doch der frühere Chef der Bundeskriminalpolizei BKP scheint nicht mit der Hartnäckigkeit der Journalistin gerechnet zu haben. Diese ringt ihm einen erstaunlichen Satz ab: «Es stimmt, ich war mit einer näheren Prüfung des Falles einverstanden.» Die spätere Verpflichtung des verurteilten kolumbianischen Drogenbosses im Fall Holenweger geriet zu einem Flop. Jetzt schlägt der Bundesanwalt plötzlich neue Töne an, die Teil einer riskanten Verteidigungsstrategie sind:

6.Mai: «An der Verpflichtung von Herrn Ramos war ich überhaupt nicht beteiligt.» (Pressekonferenz zur Anklageerhebung im Fall Holenweger)

22.Mai: «Am Einsatz von Ramos war ich nicht beteiligt.» (Interview im «Blick»)

6.Juni: «Ich hatte lediglich in der Phase der Vorabklärungen eine Anfrage des Bundesanwalts beantwortet.» (Interview im «Sonntag»).

Eine Woche später geht Beyeler in der Lokalzeitung nun erneut einen Schritt weiter. Interessant: Er hält sich exakt an den Wortlaut von Bundesstrafrichter Andreas J. Keller. Dieser hatte an einer Sitzung der GPK-Subkommission des Nationalrats ausgesagt: «Der damalige Chef der BKP, Herr Beyeler, war mit einer näheren Prüfung des Falles einverstanden.» («Sonntag» vom 13. Juni). Dennoch versucht Beyeler wiederum zu relativieren: «Wenn man einer näheren Prüfung zustimmt, heisst es ja nicht automatisch, dass man einverstanden ist.» Er schiebt die Verantwortung nun öffentlich auf seinen Interims-Nachfolger Dieter Stüssi ab: «Diese Entscheidungen hat der A.i.-Leiter der BKP getroffen.»

Das Schwarzpeter-Spiel gipfelt in der Aussage: «Unterwegs wurde ziemlich viel verbockt, was gar nicht in unserer Verantwortung lag.» Dabei lagen die Verantwortlichkeiten zu Beginn klar bei Beyelers BKP, «welche auch zur Ausarbeitung eines detaillierten Konzepts für den Empfang des Informanten führte (...)» (Aufsichtsbericht Andreas J. Keller/Bernard Bertossa).

Bundesanwalt Beyeler versucht sich aus der Ramos-Falle zu befreien, indem er immer nur so viel zugibt, wie ihm nachgewiesen werden kann. Dabei verunglimpft er auch Vertreter der «SonntagsZeitung», der «Weltwoche» und des «Sonntags» als «schwächere Journalisten». Diese Medien hatten die Vorgänge im Fall Holenweger sowie die Rolle von Beyeler und seinem Vorgänger Valentin Roschacher kritisch kommentiert. «Ich muss eine Suppe auslöffeln, die mir jemand anders eingebrockt hat», so Beyeler. Doch als Hobby-Schriftsteller («Kern. Eine Kriminalnovelle») weiss er selber: Das letzte Kapitel im Fall Ramos ist längst noch nicht geschrieben.

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