Büffeln in den Sommerferien

Früher Gegensätze, heute ein Team: Ferien und Lernen. Foto: plainpicture

Früher Gegensätze, heute ein Team: Ferien und Lernen. Foto: plainpicture

Sommer, Sonne, Schulstress: Kinder gehen in den Ferien vermehrt in die Nachhilfe – auch sehr kluge.

Gibt es ein Kind, das die Sommerferien mehr liebt als der blonde Spitzbub Calvin aus dem Comicstrip Calvin & Hobbes? Gemeinsam mit seinem Stofftiger liegt er an einem Sommerabend im Schatten eines Baumes.

«Welcher Tag ist heute?», fragt er.
«Keine Ahnung. Wieso?»
«Ach, nur so. Ich war einfach neugierig... Ich liebe Sommerferien!»

So entspannt wie Calvin haben es viele Kinder und Jugendliche heute nicht mehr. Sie müssen wissen, welcher Tag ist – denn sie müssen in die Nachhilfe. «In diesen Sommerferien hatten wir im Vergleich zu den Vorjahren deutlich mehr Schülerinnen und Schüler», sagt Marco Sager vom Forum 44, einem Nachhilfe-Anbieter aus dem Aargau. Den Jugendlichen ginge es vor allem darum, den Stoff zu repetieren, um vorbereitet ins neue Schuljahr zu starten.

Auch die Repetitions- und Ferienkurse beim Zürcher «Lern-Forum» sind gut besucht. Neun Kurse werden angeboten, fast alle sind voll besetzt. Jene, die bereits regelmässig in die Nachhilfe gehen, kämen auch im Sommer, sagt Susanna Roshardt, Geschäftsführerin des «Lern-Forums». Ähn- lich hohe Auslastung meldet die Basler Nachhilfe, das Impuls-Nachhilfezentrum in der Ostschweiz oder die Aha-Nachhilfe mit Angeboten in Zürich und Schwyz. Es wird einzeln oder in Gruppen unterrichtet, meistens in der letzten Woche der Sommerferien. Die Kosten sind je nach Anbieter und Angebot unterschiedlich. Ein einwöchiger Sommerkurs mit zwei Lektionen täglich kostet 500 Franken, ein Gymi-Vorbereitungskurs bis zu mehreren tausend Franken.

Jeder Dritte nimmt Nachhilfe
Vor allem 11- bis 15-Jährige, von der 5. Klasse bis zur Oberstufe, nehmen Nachhilfeunterricht. Meistens geht es um Mathematik, gefolgt von Deutsch und Französisch. Treibende Kraft sind die Eltern. Längst sind es nicht mehr nur überforderte Schüler, sondern auch besonders kluge. Seit Jahren steigt der Leistungs- und Notendruck – und die Mittelschicht verfällt in Bildungspanik. Der Hauptteil der Schüler kommt denn auch aus mittleren Verhältnissen, aber nicht nur. Eltern mit höherem Einkommen lassen nichts unversucht, um ihren Nachwuchs ins Gymnasium zu bringen. Mütter und Väter aus tieferen Schichten wollen ihren Kindern mehr Perspektive bieten, als sie selber hatten.

Dabei sind die Sommerferien noch nicht mal die Spitzenzeiten der Nachhilfe. Vor den Gymi-Aufnahmeprüfungen steigt die Zahl rapide an. Offizielle Zahlen fehlen in der Schweiz, gemäss der Pisa-Analyse 2012 nehmen allerdings 63 000 Acht- und Neuntklässler bezahlte Nachhilfe, das waren 7000 mehr als drei Jahre zuvor. Heute geht also jeder dritte Acht- und Neuntklässler in den Nachhilfeunterricht. Und das regelmässig. «Vor 15 Jahren waren wir die einzigen Anbieter in der Region», sagt Christian Frischknecht vom Impuls-Nachhilfezentrum in der Ostschweiz. «Heute gibt es einen grossen Konkurrenzkampf, gewachsen sind wir trotzdem.» Mittlerweile ist das Impuls-Nachhilfezentrum an 21 Standorten tätig und hat 150 Teilzeitlehrer eingestellt. Natürlich freue es ihn, Kindern zu helfen, sagt Frischknecht, «doch letztlich läuft an den Schulen etwas schief, wenn so viele Jugendliche private Nachhilfe benötigen».

«Bildung ist käuflich»
Bildungsökonom Stefan Wolter warnt vor einer wachsenden Ungleichheit. «Ein Teil der Bildung ist käuflich», sagt er. Deshalb schlägt Wolter einen beschränkten staatlichen Nachhilfekurs vor dem Übertritt ins Gymnasium vor. «Ein solches Angebot würde dafür sorgen, dass alle die gleichen Chancen haben.»

Die Nachhilfe-Branche macht gemäss Wolter jährlich einen Umsatz von 100 bis 300 Millionen Franken. Ob der Nachhilfe-Trend anhält, wissen selbst Experten nicht. An manchen Standorten zeigt sich aber bereits eine neue Entwicklung. «Eltern schicken ihre Kinder immer früher zu uns», sagt Cordula Lötscher von der Basler Nachhilfe. «Mittlerweile unterrichten wir auch Dritt- und Viertklässler.» Sommerferien waren einmal. Heute müsste wohl selbst Calvin in den Ferien büffeln.

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