Es ist nach Mitternacht und gespenstig ruhig am Ostbahnhof von Budapest. Die Frauen und Kinder haben sich in die Bahnhofunterführung zurückgezogen, nur noch junge Männer sind oben, haben die Arme ineinandergehakt und sich in einer Reihe aufgestellt. Der ganze Platz ist von Polizisten abgeriegelt. Die Sirenen, die die Stille der Nacht zerreissen, verunsichern die Flüchtlinge noch mehr, als sie es ohnehin schon sind. Rechtsradikale Fussballfans werden erwartet. Es hat sich das Gerücht herumgesprochen, dass sie nach dem Länderspiel gegen Rumänien die Flüchtlinge am Keleti-Bahnhof aufmischen wollen. Die ganze Woche war es nie so still auf dem Platz wie jetzt.

Kein Fussballmob in Sicht. Nur vereinzelt gehen glatzköpfige Männer grinsend an den Polizeireihen vorbei und blicken verächtlich zu den Flüchtlingen auf dem Platz. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, fahren Busse vor. Leere Busse. Wie viele ist unklar, aber zu viele, um sie auf den ersten Blick zu zählen. Die Flüchtlinge stehen zuerst nur da und schauen ungläubig. Einer fragt: «Camp?» Nein. Nicht ins Flüchtlingslager. An die österreichische Grenze.

Nachdem das ungarische Parlament den ganzen Tag zusammengesessen hat, wurde am Freitagabend entschieden, die Flüchtlinge mit Bussen abzuholen. Primär jene tausend, die sich am Mittag zu Fuss an die österreichische Grenze aufgemacht haben. Aber auch diejenigen, die seit mehreren Tagen am Bahnhof Keleti festsitzen.

Noch sind die Flüchtlinge skeptisch. Die Busse stellen sich auf zwei Fahrbahnspuren hintereinander auf. Zischend öffnen sich ihre Türen, der Geruch von Abgas beisst in der Nase. Zögerlich steigen die ersten Menschen ein. Mit schnell gepackten Rucksäcken auf dem Rücken, aufgerollten Matten unter den Armen und Kindern an der Hand.

Allmählich kommt Bewegung auf den Bahnhofplatz. In der Unterführung, wo diese Woche rund 3000 Flüchtlinge gestrandet sind, beginnen die Leute ihre Sachen zu packen. Eine Mutter weckt ihr Kind, das zu weinen beginnt. Sie zieht ihm die Schuhe und eine Jacke an. Noch schlaftrunken torkelt das Kind hinter der Mutter her. Ein bulliger Ungar, der am Strassenrand steht und den Flüchtlingen zuschaut, die nun geschäftig zwischen den Bussen durchgehen, ruft: «Go to Auschwitz.»

Eine Gruppe junger Syrer schaut dem Geschehen unbeteiligt zu. Sie liegen unter Ikea-Decken, ihre Habseligkeiten dienen als Kopfkissen. Die Schuhe haben sie ordentlich neben den Karton gestellt, der ihnen als Schlafunterlage dient. Ihre nackten Füsse sind schmutzig und voller Blasen. Ein Mann in gelber Weste bleibt vor ihnen stehen. Auf seiner Brust prangt das rote Wappen des achtspitzigen Malteserkreuzes, das Symbol der katholischen Hilfsorganisation.

In Englisch fragt er die Männer, ob sie nicht in den Bus steigen wollen. Sie schütteln den Kopf. Sie haben Angst, in eine Falle gelockt zu werden. Sie wollen nicht ins Camp, sagen sie. Schliesslich kann ihnen der freiwillige Helfer klarmachen, dass die Busse nach Hegyeshalom fahren, der Grenzstadt zu Österreich. Da raffen sie sich auf und beginnen zu packen.

Die Skepsis der Flüchtlinge ist nachvollziehbar. Am Montag konnten die Flüchtlinge noch mit dem Zug bis Wien und von dort weiter nach Deutschland fahren. Am Dienstag wurde der Bahnhof von der Polizei dichtgemacht. Viele hatten schon Billette gekauft. In der Unterführung wurden Sperrgitter angebracht, die Flüchtlinge sassen fest. Es folgten zwei Tage der Lethargie, des Nichtwissens, wie weiter und wohin. Einige schafften es mit Schleppern über die Grenze. Doch seit dem Drama in Österreich, wo 71 Flüchtlinge in einem Lastwagen erstickten, sind viele Schlepper verhaftet worden.

Täglich treffen Neuankömmlinge am Keleti-Bahnhof ein. Es wird enger, in der Unterführung stinkt es nach Schweiss und Urin. Die Sonne brennt. Für 3000 Menschen gibt es acht Toiletten. Wer sie benutzen muss, hält sich beim Anstehen die Hand vors Gesicht. Von der ungarischen Regierung gibt es keinerlei Unterstützung. Essen, medizinische Versorgung, Hilfe für Kinder, Putzarbeiten werden von Freiwilligen bereitgestellt. Die Stimmung unter den Flüchtlingen kocht am Mittwoch immer wieder beinahe über. Es gibt hitzige Diskussionen auf dem Platz. Assad-Gegner und Assad-Befürworter geraten sich in die Haare. Einer ruft: «Assad ist hier nicht unser Problem. Hier haben wir alle dasselbe Problem.»

Am Donnerstagmorgen öffnet die Polizei den Bahnhof. Er wird gestürmt. Die Flüchtlinge steigen in einen Zug, von dem sie glauben, dass er zur österreichischen Grenzstadt fährt. Doch in Bicske, 40 Kilometer nach Budapest, ist Endstation. Dort will die Polizei die Flüchtlinge zum Aussteigen zwingen und sie in ein Flüchtlingslager bringen. Sie weigern sich und verschanzen sich im Zug. Nach stundenlangem Ausharren geben einige auf und lassen sich abführen. Ein Syrer, der aus Rakka, der Hauptstadt des «Islamischen Staats», geflohen ist, sagt, er habe 230 Euro für das Ticket bezahlt. Jetzt sitzt er verzweifelt und den Tränen nahe auf einer Wiese neben dem Bahnhof. Ein Kind, das immer noch im Zug sitzt, hält ein Kartonschild an das Fenster auf dem steht: «Let’s go to Germany.»

In Budapest am Keleti-Bahnhof sind die Menschen aufgebracht. Auf ihren Smartphones verfolgen sie die Meldungen aus Bicske. Einige versuchen, einen Blick auf die Monitore der Sendewagen der Fernsehstationen zu werfen, die vor dem Bahnhof stehen. Inzwischen ist der internationale Zugverkehr eingestellt worden. «No train?», fragen sie die Journalisten. No train.

Am Freitagmorgen dann mobilisieren die Flüchtlinge für den Fussmarsch an die österreichische Grenze. Sie haben genug. Wollen weg. «Hungary not good», sagen sie. «Problem, problem», sagt einer und zeigt auf seine Frau und die drei Kinder, die in der Unterführung liegen. Beim Treppenaufgang steht an der Wand mit Kreide auf Englisch geschrieben: «Vielleicht sterben wir für ein besseres Leben, aber wir wollen es versuchen.»

Um 13 Uhr geht es los. Tausend Flüchtlinge beginnen den im Internet als «March of hope» bekannt gewordenen Marsch an die Grenze. 175 Kilometer liegen vor ihnen. Es ist heiss. Eine Frau trägt ihr Baby in der einen und den Plastikbeutel mit ihren Siebensachen in der anderen Hand. An der Spitze des Zuges geht ein Mann, auf dessen Schultern sein kleines Kind sitzt. Es ruft unentwegt: «Go! Go!»

Ein 15-jähriger Syrer geht an der Hand seines Onkels. Er ist aus Damaskus geflüchtet. Am Abend zuvor hat er noch in der Unterführung am Keleti-Bahnhof mit Freunden Karten gespielt. Jetzt sieht er müde aus. Eine Frau bricht zusammen. Ihr Mann bringt Wasser und massiert ihren Rücken.

Die Polizei verhält sich passiv. Mit einem Auto fährt sie vor dem Marsch. Inzwischen haben die Flüchtlinge die Autobahn erreicht. Das Tempo des Marsches ist hoch und Pausen werden nur alle halbe Stunde für wenige Minuten eingelegt.

Währenddessen hält das ungarische Parlament eine Krisensitzung ab. Am Abend wird beschlossen, Busse zum Marsch und an den Keleti-Bahnhof zu schicken. Aus Österreich und Deutschland kommt die Meldung, dass die Flüchtlinge in die zwei Länder einreisen dürfen. Die Nacht von Freitag auf Samstag wird zu einem historischen Moment. Die Flüchtlinge in den abfahrenden Bussen winken zum Abschied. Für sie hat sich die Situation am Ende zum Guten gedreht.

Doch schon am Samstagmorgen stranden wieder Hunderte neue Flüchtlinge am Keleti-Bahnhof. Ratlos spazieren sie durch die Unterführung und staunen, als sie die vielen verlassenen Zelte, Matten und Schuhe sehen.

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