Britzerland war der Traum des ehemaligen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson. Die Karriere des Politikers liegt nach seinem Rückzug in Scherben, sein Traum aber wird Wirklichkeit: Die Schweiz und Grossbritannien planen eine neue, enge Verbindung. Die Hochschulen erschaffen gerade Britzerland.

«Wir sind sehr an einer intensiveren Kooperation mit den Schweizer Universitäten interessiert», sagt Michael Arthur, Rektor des University College London. «Nach dem Brexit stärker als je zuvor.» Damit steht der Londoner nicht allein, weitere Hochschulen haben Interesse signalisiert. Oxford, eine der besten Universitäten der Welt, hebt nach dem Referendum das Verhältnis zur Schweiz hervor. «Wir schätzen unsere Beziehungen enorm», sagt Rektorin Louise Richardson. «Wir werden jede Gelegenheit wahrnehmen, an gemeinsamen Projekten zu arbeiten.»

Die neue Nähe ist nicht verwunderlich. Die britischen Rektoren wissen, dass Probleme mit der EU oft als Erstes die Forscher treffen. So war es in der Schweiz nach dem Ja zur Zuwanderungsinitiative, so könnte es in zwei Jahren in Grossbritannien sein. Allzu ähnlich klangen die Worte der deutschen Bundeskanzlerin diese Woche: «Rosinenpickerei» werde sie nicht zulassen, stellte Angela Merkel klar. Ein Wort, das Schweizer Rektoren in Gesprächen mit der EU oft genug um die Ohren flog.

In Verhandlungen helfen
Nach der Abstimmung 2014 strich die EU ihre Fördergelder und warf die Schweiz aus dem Austauschprogramm Erasmus. Hiesige Hochschulen mussten im Verhandlungsmarathon Hunderte bilaterale Verträge mit Partneruniversitäten abschliessen, damit Schweizer Studenten weiterhin ein Austauschsemester in England, Spanien oder Frankreich absolvieren konnten.

So soll es den Briten nicht ergehen. Schon vor dem Brexit-Referendum baten die Engländer Schweizer Forscher um Rat, was sie bei einem Austritt erwartet. Nun sollen Kooperationen den Weg weisen. «Die Universitäten müssen an vordersten Front kämpfen und den Rest des Landes führen, wenn es um internationale Kooperationen geht», sagt der Londoner Rektor Arthur. Er will in die Schweiz reisen, um mit Hochschulvertretern, aber auch Parlamentariern zu sprechen. Dabei ginge es nicht nur um England. «Wenn ich der Schweiz in den Verhandlungen mit der EU helfen kann, werde ich das tun», sagt er.

Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, begrüsst die Bekundungen aus Grossbritannien. Auch er sei an einer Kooperation interessiert. Alle Probleme liessen sich dadurch aber nicht lösen. Beide Länder wollen im EU-Programm Horizon 2020 bleiben. «Wir dürfen die Fördergelder nicht unterschätzen», sagt selbst Oxford-Rektorin Richardson. «Sie sind essenziell.» Derselben Meinung sind die Schweizer Rektoren.

Auf der anderen Seite droht die EU ihre besten Universitäten zu verlieren. Eindrücklich dokumentiert dies die Liste der ERC-Grants: Gelder, die der Europäische Forschungsrat zwischen 2007 und 2015 für Grundlagenforschung auf Spitzenniveau vergibt. Nummer 1 ist Oxford, gefolgt von Cambridge und London. Auf Platz 4 liegt die ETH Lausanne, auf 5 die ETH Zürich.

25 000 Pfund pro Jahr
Der Brexit verhärtet nun die Positionen beider Parteien: «Die EU wird uns kaum entgegenkommen und Sonderlösungen zugestehen», sagt Hengartner. Ansonsten würden die Engländer auf die gleichen Bedingungen pochen. Zu den Verlierern zählen auch Schweizer, die in England studieren wollen.

Nach aktuellem Stand müssen sie 2019 – wenn Grossbritannien aus der EU ausgetreten ist – höhere Gebühren zahlen, weil eine Sonderregel für alle Studenten in Europa wegfällt. Bisher zahlten sie 4000 bis 9000 Pfund für zwei Semester. Ab 2019 müssen sie wohl denselben Betrag wie ihre Kommilitonen aus Asien oder Indien überweisen: zwischen 20 000 und 25 000 Pfund.

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