Dauernd leuchtete die Vorwahl +44 auf Michael Hengartners Handy auf. Die Briten wollen reden – mit dem Rektor der Universität Zürich.

Am Telefon sind einige der mächtigsten Bildungsfunktionäre Englands: die Rektoren der Universitäten Oxford, Cambridge oder London. Stolze Männer und Frauen, die normalerweise antworten, nicht fragen. Jetzt sind sie nervös – und benötigen Informationen aus der Schweiz. «Sie wollen wissen, was im Fall des Brexit auf sie zukommt», sagt Hengartner.

Stimmen die Briten am 23. Juni für den Austritt aus der EU, droht den besten Hochschulen des Kontinents, was die Schweizer Universitäten bereits durchgemacht haben: keine Fördergelder mehr aus dem Topf der EU, Rausschmiss aus dem Austauschprogramm Erasmus. Hiesige Hochschulen mussten im Verhandlungsmarathon Hunderte bilaterale Verträge mit Partneruniversitäten abschliessen, damit Schweizer Studenten weiterhin ein Austauschsemester in England, Spanien oder Frankreich absolvieren konnten. «Unsere britischen Kollegen sind besorgt», sagt Hengartner. «Das ist in den Gesprächen deutlich zu spüren.»

Den Engländern geht es nicht nur um Tipps, sie wollen vor der Abstimmung auf Probleme hinweisen. «Seht ihr, wie es den Schweizern erging?», lautet die Botschaft, die britische Rektoren in den Wahlkampf werfen. Auch die Schweizer Universitäten blicken am 23. Juni besorgt zur Insel hinüber. Hengartner, der auch Präsident des Hochschulverbandes Swissuniversities ist, hofft auf ein Bekenntnis zu Europa. «Falls die Briten austreten, fallen wir auf der Verhandlungsliste weit zurück», sagt Hengartner. Dann werde die EU zuerst alle Verträge mit Grossbritannien aushandeln. «Die Schweiz gerät in die Warteschleife.»

Die Zeit wird knapp
Dabei wäre schnelles Handeln gefordert. Damit die hiesigen Hochschulen weiterhin am Forschungsprogramm Horizon 2020 teilnehmen können, muss der Bundesrat die Personenfreizügigkeit auf Kroatien ausdehnen und bis am 9. Februar 2017 das Protokoll ratifizieren. Die Zeit ist schon ohne die Verhandlungsbombe Brexit knapp – platzt sie, ist eine Lösung undenkbar. «Die Position der Schweiz würde deutlich geschwächt», sagt Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne (EPFL). «Aber auch die der EU.» Die Europäische Union würde ihre besten Hochschulen verlieren.

Eindrücklich dokumentiert dies die Liste der ERC-Grants: Gelder, die der Europäische Forschungsrat zwischen 2007 und 2015 für Grundlagenforschung auf Spitzenniveau vergibt. Nummer eins ist Oxford, gefolgt von Cambridge und London. Auf Platz vier liegt die ETH Lausanne, auf fünf die ETH Zürich (siehe Kasten). «Die Liste sagt doch alles», meint Aebischer. Ohne die Schweiz und Grossbritannien fällt die EU aus dem Ranking der weltbesten Universitäten, tiefer klassierte Hochschulen würden die Gelder erhalten.

Forscher zittern
Eine engere Zusammenarbeit zwischen Grossbritannien und der Schweiz ist noch nicht angedacht. «Wir setzten darauf, dass wir mit der EU eine schnelle Lösung finden – und dass Grossbritannien Teil davon bleibt», sagt Hengartner.

Die Schweizer Universitäten steckten diese Woche allerdings einen Rückschlag ein. Bis zuletzt hofften die Rektoren und mit ihnen Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, dass das Kroatien-Protokoll ratifiziert wird, auch wenn noch keine verfassungskonforme Lösung zur Masseneinwanderungs-Initiative gefunden ist. Das ist allerdings unwahrscheinlich. Der Ständerat hat die Ratifizierung offiziell daran geknüpft. «Ich bin sehr beunruhigt», sagt EPFL-Präsident Aebischer.

Zuletzt haben die EU-Gegner an Fahrt gewonnen. Jüngsten Umfragen zufolge haben die Befürworter des Brexit leicht zugelegt. Beide Lager liegen gleichauf. Laut den Umfrage-Instituten wird viel von der Wahlbeteiligung und der Mobilisierung der jungen Wähler abhängen, die eher für einen Verbleib in der EU sind.

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