Sie dürfen nicht Auto fahren, sie dürfen nicht abstimmen, und sie dürfen keinen Schnaps trinken. Ins Puff gehen aber dürfen sie, Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren. Und tun es. Die Westschweizer Sonntagszeitung «Le Matin Dimanche» machte den Trend publik: Junge Männer beenden ihren Ausgang immer öfter mit einem Besuch bei einer Sexarbeiterin. An Wochenenden machen sie bis zu einem Viertel der Kundschaft aus.

Doch nicht nur in Genf und Lausanne, auch in Zürich und Bern sind junge Männer regelmässig Kunden. Wie viele unter 18 Jahre alt sind, ist nicht bekannt. Erhebungen gibt es keine, und bei der Polizei sind minderjährige Freier nicht auf dem Radar, wie eine Umfrage bei den Polizeien grösserer Städte zeigt. Weil der Kauf von Sex ab dem Alter von 16 Jahren erlaubt ist, gibt es für die Polizei keine Handlungsgrundlage.

Für Marianne Streiff-Feller waren die Nachrichten über die Teenie-Freier ein Schock. «Es war mir gar nicht bewusst, dass 16-Jährige ins Bordell gehen und dass das auch noch legal ist», sagt sie. Die Präsidentin der Evangelischen Volkspartei (EVP) sorgt sich um die Sexualität der Jugendlichen. «Diese jungen Männer machen sich in Pornos und im Bordell ein unrealistisches Bild von Sexualität.» Ihr tun die Mädchen leid, die später mit solchen Vorstellungen konfrontiert würden. Die Ursache dieses Trends sieht Streiff-Feller auch in einem sexuellen Leistungsdruck. «Manche meinen, mithilfe von Prostituierten ihren Erfahrungsschatz erweitern zu müssen.» Streiff-Feller will sich nun dafür einsetzen, das Mindestalter für Puffbesuche auf 18 Jahre zu erhöhen.

Im Nationalrat könnte sie dabei mit der Unterstützung von CVPler Martin Candinas rechnen. Der Bündner zeigte sich erstaunt über die aktuelle rechtliche Situation und hat Sympathien mit der Idee eines Puffverbots für unter 18-Jährige. «Ich würde einen entsprechenden Vorstoss unterstützen», sagt er. Candinas war einer der 42 Nationalräte, die 2013 einen Vorstoss von Streiff-Feller unterzeichneten. Der Bundesrat wurde beauftragt, ein Prostitutionsverbot zu prüfen. In einem im Juni veröffentlichten Bericht riet die Regierung schliesslich davon ab.

Zu den Unterstützern des prostitutionskritischen Vorstosses gehörte die Aargauer SP-Nationalrätin Yvonne Feri. In der Frage der minderjährigen Freier ist sie nun zurückhaltender. «Die heutige Altersgrenze ist für mich in Ordnung», sagt sie. Es brauche andere Massnahmen, damit die Jugendlichen wissen, was sie machen und was für Auswirkungen ihr Verhalten haben kann. «Verbote bringen diesbezüglich wenig.»

Vom Mindestalter 18 für Sex mit Prostituierten will auch Milieu-Anwalt Valentin Landmann nichts wissen. «Ich sehe das Problem nicht. Mit 16 Jahren ist jemand sexuell mündig und kann selbst über sein Sexleben bestimmen.» Wenn einer mit 16 Jahren ins Puff gehe, trüge er keinen Schaden davon. Krankheiten könne man sich auch mit anderen Frauen holen, und das Frauenbild der Heranwachsenden werde eher von Pornos als vom Sex mit Prostituierten bestimmt. Zudem würden die meisten Etablissements ohnehin nur Volljährige bedienen. «Man muss nicht für alle Dinge, die einem nicht passen, die Gesetzgebung bemühen», sagt Landmann.

Bemüht werden nun zunächst einmal die Wissenschaft und die Jugendlichen selbst. Letztere sollen in einer Onlinebefragung (sex-und-du.ch) der Universität Freiburg anonym Auskunft über ihr Sexleben geben. Die Wissenschafter wollen unter anderem herausfinden, ob die Jugendlichen auch untereinander für Sex bezahlen.

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