Frische Lebensmittel vom Bauernhof kommen bei den Konsumenten gut an. Nicht zuletzt, seit sich die Skandale im Detailhandel gehäuft haben, seien es die EHEC-verseuchte Gurken, die Pferde-Lasagnen oder die umetikettierten Fleischwaren in den Coop-Metzgereien. Rund 15 Prozent der 58 000 Schweizer Bauernhöfe betreiben heute sogenannte Direktvermarktung, wie Zahlen des Schweizer Bauernverbands zeigen. Darunter versteht man den direkten Verkauf von Hofprodukten, von Erdbeeren zum Selberpflücken, über die Selbstbedienung bei Kartoffeln in Kisten oder auch grosse Geschäfte mit einem vielfältigen Angebot von Eiern, Süssmost bis hin zu Joghurts, Brot und Konfitüre. Gemäss einer sehr groben Verbandsschätzung setzen die rund 8700 Hofläden in der Schweiz 350 Millionen Franken um.

«Bis vor zwei Jahren hat die Direktvermarktung etwas stagniert, nun stellen wir aber eine Zunahme fest», sagt Baur. Zudem gehe der Trend in Richtung grösserer Shops. Die Bauern würden von ihrem sauberen Image mit der Frische und Transparenz profitieren, da der Kunde sehe, woher die Produkte kommen. Nämlich vom Hof vor Ort.

Nur: Dem ist nicht immer so. Die «Schweiz am Sonntag» nahm mehrere Hofläden in der Deutschschweiz unter die Lupe und stellte fest, dass die Hofidylle oft trügt. Viele Kunden dürfte nur schon überraschen, dass Hofläden auch Produkte von anderen Bauernhöfen verkaufen. Bauer A liefert Bauer B für seinen Laden Eier, und im Gegenzug erhält er von Bauer B Kartoffeln, die er ebenfalls verkauft. Vor allem grössere Hofläden haben begonnen – nicht zuletzt auf Wunsch der Kundschaft – ihr Angebot auszuweiten. Doch weil sie nicht alles selber produzieren können, greifen sie auf Dritte zurück.

Dora Suter betreibt in Freienwil AG den kleinen Hofladen «Zum Dorfschöpfli». Das frische Saison-Gemüse, wie Salat und Tomaten, stammt vom eigenen kleinen Anbau auf vier Aren. Die verschiedenen Sirupsorten und Konfitüren stellt sie selber her, und an drei Tagen pro Woche backt sie frisches Brot für die Kundschaft. Die Äpfel bezieht sie jedoch von der Bauernfamilie Frei im benachbarten Ehrendingen. Sie deklariere aber alle Fremdprodukte, betont Suter. «Sonst wäre es ein Bschiss am Kunden.»

Die Bauernfamilie Frei betreibt einen riesigen Hof mit Apfelbäumen, Kühen und Hühnern sowie einen einladenden Hofladen – grösser als jener von Dora Suter. An einigen Tagen sogar mit konstanter Bedienung. Der Grossteil des Fleisch-, Milch-, und Gemüsesortiments stammt aus eigener Produktion. Doch andere Produkte kommen von viel weiter her: Chinakohl aus Polen, Fenchel aus Italien und Peperoni aus Spanien.

Der Hofladen Frei hat auf einer Tafel alle Produkte fein säuberlich mit dem Herkunftsort deklariert. Doch die «Schweiz am Sonntag» fand auch Höfe, in denen die Verkäufer auf Anfrage zugaben, dass nicht alle Produkte frisch vom eigenen Hof kommen – ohne Deklaration. Etwa der Hofladen der Familie Zihlmann in Biel-Benken BL. Nebst eigenem Gemüse und Produkten, die offensichtlich von Fremdanbietern stammen und als solche gekennzeichnet sind, gibt es dort auch andere, bei denen der Kunde in die Irre geführt wird.

Von vier verschiedenen Apfelsorten stamme nur noch eine vom eigenen Hof, sagt Bäuerin Esther Zihlmann. Der Vorrat sei inzwischen aufgebraucht und die Kunden würden halt eine Auswahl verlangen. Auch die Eier seien nicht vom eigenen Hof, bestätigt die Bäuerin. Angeschrieben ist das nicht.

Gemüsebauer Georg Tanner aus derselben Gemeinde hatte bei unserem Besuch nicht alle Fremdprodukte angeschrieben. Zwar stammen die meisten Lebensmittel in seinem modernen und umfangreichen Hofladen vom eigenen Betrieb. Gemüse von anderen Herstellern schreibe er grundsätzlich an. Doch auch Tanner gibt zu, «im Moment» gerade Eier von einem auf Eier spezialisierten Betrieb zu verkaufen. Er tue das gelegentlich, wenn er zu wenig eigene Eier habe. Den Süssmost beziehe er momentan ausnahmsweise von einem befreundeten Bauer. Tanner lebt heute mehrheitlich vom Hofladenverkauf, der 70 bis 80 Prozent seines Umsatzes ausmache. Daneben verkauft er noch Gemüse auf dem Markt. «An Zwischenhändler liefere ich nicht, da erhalte ich zu schlechte Preise.»

Eine Eierproduzentin, die auch an Hofläden liefert, ist Sonja Degen aus Eptingen BL. Die Eier ihrer rund 9000 Hühner liefert sie hauptsächlich einem Grossverteiler. Sie hat jedoch auch einen Stall in Eigenvermarktung, aus dem sie fünf Bauern in der weiteren Umgebung beliefere, sagt sie. Sie gehe davon aus, dass der Zukauf von den Bauern transparent gemacht werde. Das Geschäft mit Hofläden ist laut Degen tendenziell zunehmend. «Da gibt es wohl auch eine gewisse Skepsis gegenüber dem Detailhandel.»

Im zürcherischen Männedorf bietet der Hofladen Neuhof Freilandeier an. Auf dem Verkaufsschild ist klein gedruckt nachzulesen, dass die Eier von «H. Rüegg» stammen. Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass es sich dabei um einen Grossproduzenten aus Pfäffikon ZH handelt, der auch die Migros für das Label «Aus der Region. Für die Region» beliefert. Auf der Website ist nachzulesen, dass die Geflügelzucht 6000 Hühner zählt. Neben der Freilandhaltung werden die Legehennen auch «traditionell» in Volieren gehalten. Auch der Eierproduktionsbetrieb Stöckli Ei in Saland ZH beliefert Hofläden. Laut seiner Homepage liegen die gleichen Eier aber auch bei Denner, Volg und Migrolino, vermutlich zu einem billigeren Preis.

Der Schweizer Bauernverband erteilt seinen Mitgliedern keine Vorschriften zum Hofladensortiment. Illegal handeln die Betreiber nicht. Gemäss dem eidgenössischen Raumplanungsgesetz darf ein Bauer ein Hofgeschäft eröffnen, wenn die Produkte mindestens zur Hälfte vom eigenen Betrieb und der Rest aus der näheren Region stammen.

Die kantonalen Lebensmittelkontrolleure statten den grösseren Hofläden regelmässig einen Besuch ab, um zu prüfen, ob die Deklarationspflicht bei verarbeiteten Produkten eingehalten wird. «Beim Offenverkauf gilt aber nur die mündliche Auskunftspflicht», sagt der Zürcher Kantonschemiker Rolf Etter.

Würden auch Fremdprodukte, die nicht vom eigenen Hof stammen, verkauft, habe man es nicht mit einer Täuschung im rechtlichen Sinne zu tun. «Doch es ist sicher ein gewisser Vertrauensbruch gegenüber dem Konsumenten. Dieser erwartet zu Recht, dass in einem Hofladen – sollte nichts anderes vermerkt sein – die Produkte auch von diesem Hof stammen.»

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