Von Beat Kraushaar*

Flüchtlingszentrum Reuss im aargauischen Gebenstorf. Der Saal ist bis zum letzten Platz besetzt. Die Bevölkerung war gekommen, um sich über die dort 80 einquartierten Flüchtlinge zu informieren. Vor allem nutzte man die Gelegenheit, um den Bürgern für die «überwältigende spontane Hilfe» zu danken. Mehrere Lieferwagen voll von Kleidern und Spielsachen wurden gespendet – so viel, dass ein Teil davon in das Spendenlager des Hilfswerkes Heks nach Männedorf ZH gebracht werden musste.

Die Anteilnahme gipfelte darin, dass man die Gebenstorfer mit Plakaten beim Eingang bitten musste, aus organisatorischen Gründen keine Flüchtlinge mit nach Hause zu nehmen oder sie gegen Lohn zum Arbeiten abzuholen.

Sie ahnen es, hier handelt es sich nicht um aktuelle Schiffsflüchtlinge aus Syrien und anderen Krisenherden im Nahen Osten und Nordafrika. Die Rede ist von Vietnamflüchtlingen, den sogenannten Boatpeople, die nach dem Ende des Krieges vor 40 Jahren und der Machtübernahme der Kommunisten zu Hunderttausenden ihre Heimat verliessen.

400 000 flohen mit den Amerikanern oder auf dem Landweg nach China. Die meisten aber kamen übers Meer – es war der einzige Ausweg. Viele der überfüllten Boote gerieten in Seenot, zu Tausenden ertranken die Menschen, wurden von Piraten überfallen oder zurück ins Meer geschickt. Rund einer halben Million gelang die Flucht in ein anderes Land.

Das Elend der vietnamesischen Boatpeople wurde zum Medienthema und führte zu einer Solidarisierungswelle in der Schweiz und Europa.

Unser Land engagierte sich rasch. 8000 Vietnamesen, Kambodschaner und Menschen aus anderen Nationen Indochinas wurden bis 1983 als humanitäre Massnahme aufgenommen. Das Fluchtmotiv wurde nicht wie heute geprüft, um Wirtschaftsflüchtlinge auszuschliessen.

Es war von Anfang an klar: Die Vietnamesen flohen nicht vor einem Krieg, sondern weil sie unter der kommunistischen Herrschaft keine Hoffnung mehr auf ein normales Leben und keine Zukunft für ihre Kinder sahen. Gegangen sind vor allem Menschen aus dem mittleren oder höheren Mittelstand.

Nach heutigen Kriterien wären viele von ihnen als Wirtschaftsflüchtlinge eingestuft worden und hätten in der Schweiz kein Bleiberecht erhalten. Gut möglich, dass Menschen wie die Ehefrau von SVP-Politiker Roger Köppel, deren Familie damals aus Vietnam floh, nach heutigem SVP-Verständnis ausgewiesen worden wären. Das Beispiel der Vietnamflüchtlinge zeigt auf, dass die Unterscheidung zwischen «echten» und «falschen» Flüchtlingen wenig Sinn macht. Unter dem Strich sind sie alle Armutsflüchtlinge.

Eine Studie über die Integration der damaligen Boatpeople zeigt auf, dass sie sich auffallend rasch integriert haben. Die Kinder fielen durch überdurchschnittliche schulische Leistungen auf. Das hatte auch mit der damals menschlichen Politik des Bundesamtes für Flüchtlinge – so hiess es einst – zu tun.

Die meisten Eltern machten, mit Wissen der Beamten, ihre Kinder ein bis zwei Jahre jünger, als sie waren. Damit konnten sie länger zur Schule gehen und hatten bessere Ausbildungschancen. Dahinter steckt ein Hauptmotiv für die Migration: Es ist der ureigene Wunsch aller Eltern, ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Der Hauptgrund für die rasche und gelungene Integration war aber das damalige Betreuungskonzept. Nur gerade drei Monate verbrachten die Flüchtlinge aus Vietnam und Kambodscha in den Flüchtlingszentren, die von den Hilfswerken Caritas, Heks und dem Roten Kreuz mit kleinem Personalaufwand betrieben wurden. Dort bekamen sie intensiven Deutschunterricht, besuchten Schnupperlehren und erhielten Aufklärung über die Lebensgewohnheiten der Schweizer.

In dieser Zeit bereiteten Betreuergruppen, viele von ihnen aus kirchlichen Kreisen, die Unterbringung der Flüchtlinge in den Gemeinden vor. Diese suchten Wohnung, Arbeit und bereiteten die Einschulung der Kinder vor – alles auf freiwilliger Basis und mithilfe der zuständigen Gemeinden. Diese Vorgehensweise führte auch dazu, dass bei der Bevölkerung keine Widerstände gegen die Aufnahme von Flüchtlingen entstanden.

Heute ist die Flüchtlingsarbeit professionalisiert. Gewinnorientierte Firmen betreuen die Asylsuchenden im Auftrag des Bundes. Unbürokratische Hilfe durch Freiwillige ist kaum mehr gefragt. Kirchen und Hilfswerke sind aus einem ihrer traditionellen Aufgabengebiete mehr oder weniger verdrängt worden.

Dabei wäre ein Miteinander von Profis und Freiwilligen sinnvoll. Es würde den vielen schweigenden Menschen in der Schweiz, die Flüchtlingen helfen wollen, eine Perspektive geben.

Die Bilder und Geschichten der damaligen Boatpeople und der heutigen Flüchtlinge sind dieselben: Hunderttausende Menschen fliehen aus den gleichen Gründen wie damals übers Meer, Abertausende sind dabei ertrunken. Neuerdings ersticken sie in unserem Nachbarland Österreich zu Dutzenden in einem Schlepper-Lastwagen. Wir sehen Elend und Not, aber statt Hilfe und Anteilnahme wie früher erleben wir eine unsolidarische Gesellschaft mit immer schärferen Asylgesetzen.

Solange die Herkunftsländer der Flüchtlinge wenig oder kaum Hoffnung für ein besseres Leben bieten, werden die Migrationsströme nicht aufhören. Eine Situation, an der der Westen nicht unschuldig ist. Dagegen helfen weder Stacheldrahtzäune, Mauern noch Forderungen nach Militär oder Streichung des Taschengeldes. Wer davor die Augen verschliesst, dem fehlt der gesunde Menschenverstand.

Leider ist es mittlerweile salonfähig geworden, mit dem Elend der Flüchtlinge Politik zu machen. Die SVP ist nicht mehr die einzige Partei, die damit auf Stimmenfang geht. Aber Politik hin oder her, und ob es uns passt oder nicht: Die Aufgabe, diese Menschen aufzunehmen und zu integrieren, stellt sich heute wie damals – nur in etwas grösseren Dimensionen. Davor gibt es kein Entrinnen.

Offenbar haben wir aus der Geschichte mit den Boatpeople aus Vietnam nicht gelernt. Ihr Beispiel zeigt, dass eine rasche Integration und ein gutes Zusammenleben davon abhängen, wie human wir Flüchtlinge willkommen heissen, nach dem Prinzip: Behandle deine Mitmenschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest.

Warum wir Flüchtlinge und andere Benachteiligte heute wie unerwünschte Parasiten empfangen und genau das Gegenteil machen dessen, was durch Fakten nachweisbar Erfolg verspricht, ist schwer nachvollziehbar. Rundheraus gesagt: Der Umgang mit Benachteiligten wie Flüchtlinge ist ein Gradmesser dafür, wie krank oder gesund eine Gesellschaft ist.

* Der «Schweiz am Sonntag»-Redaktor Beat Kraushaar war von 1979 bis 1983 Flüchtlingsbetreuer bei Heks und Caritas. Mit diesem Beitrag verabschiedet er sich von der Leserschaft. Ob er den Bleistift mit der Pensionierung zur Seite legt, darf bezweifelt werden.

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