Von Ricardo Tarli

Die Friedenskirche im Berner Mattenhofquartier sorgt für Unfrieden. Stein des Anstosses: die Turmuhr. Zu jeder Viertelstunde, Tag und Nacht, erklingen aus dem Kirchturm kräftige Glockenschläge. «Das laute Gebimmel raubt mir den Schlaf», klagt eine langjährige Anwohnerin, die anonym bleiben will. «Die Schläge sind eine Qual, vor allem in der Nacht. Das Einschlafen fällt mir schwer, und ich werde auch aus dem Schlaf gerissen.»

Die Schlafstörungen hätten bei ihr sogar zu gesundheitlichen Beschwerden geführt, erzählt die Bernerin. Sie leide unter Herzrasen und Ohrensausen und habe sich deswegen in ärztliche Behandlung begeben müssen. Die Frau ist nicht die einzige Anwohnerin, die unter den nächtlichen Glockenschlägen leidet. Wie die «Schweiz am Sonntag» erfahren hat, liegen dem Polizeiinspektorat bereits mehrere Beschwerden zur Friedenskirche vor.

Robert Ruprecht, Präsident des Kirchgemeinderates, kann die Reklamationen von Anwohnern nur bedingt nachvollziehen: «2012 wurde eine elektronisch gesteuerte Schlagreduktion eingebaut. Seither schlägt die Turmuhr nachts leiser.» Der Glockenstreit im Mattenhofquartier ist kein Einzelfall. Immer mehr Bernerinnen und Berner, die in der Nähe einer Kirche wohnen, fühlen sich vom nächtlichen Glockenschlag massiv gestört. «In den vergangenen Jahren haben Reklamationen wegen Ruhestörung durch Kirchengeläut zugenommen», sagt Norbert Esseiva, Leiter der Berner Orts- und Gewerbepolizei.

Alle Glocken sollen schweigen
Stadtrat Marcel Wüthrich (48) will die Störung der Nachtruhe durch Glockenschläge nicht länger hinnehmen. «Das Problem ist seit Jahren bekannt. Trotzdem ist bislang zu wenig passiert. Wollen sich die Anwohner dagegen wehren, müssen sie mit langwierigen Rechtsstreitigkeiten rechnen.» Als Beispiel nennt Wüthrich die Pauluskirche im Länggassquartier. Erst nach Klagen von Anwohnern verordnete das Polizeiinspektorat 2011 die Einstellung der nächtlichen Glockenschläge.

Mit einem parlamentarischen Vorstoss will der Vertreter der Grünen Freien Liste (GFL) im Berner Stadtparlament nun erreichen, dass nachts keine Kirchenuhr mehr schlagen darf, und zwar auf dem gesamten Stadtgebiet. Nächsten Donnerstag wird er im Parlament eine entsprechende Motion einreichen. Geht es nach dem Willen des Grünen Politikers, sollen zwischen 22 Uhr und 7 Uhr alle Kirchenglocken der Bundeshauptstadt schweigen. Die wenigen katholischen Kirchen in der Stadt Bern verzichten seit längerem auf den Glockenschlag, nicht nur nachts, sondern rund um die Uhr.

Stärker als der Fluglärm
Landauf, landab gehen Anwohner von Kirchen auf die Barrikaden. «Für viele Menschen, die in unmittelbarer Nachbarschaft einer Kirche wohnen, ist der nächtliche Glockenschlag eine grosse Belastung», argumentiert Marcel Wüthrich. Er verweist auf eine Feldstudie der ETH Zürich, die 2011 publiziert worden war. Die Studie untersuchte den Einfluss von Kirchenglocken auf die «Aufwachwahrscheinlichkeit» von Schlafenden. Fazit: Kirchenglocken können den Schlaf noch stärker stören als Fluglärm. Das ETH-Gutachten spielte bei der Beurteilung von zwei juristischen Streitfällen in Wädenswil und Worb eine entscheidende Rolle.

Die Anhänger des kirchlichen Glockenklangs berufen sich auf die Tradition. Wüthrich widerspricht: «Das Recht der Menschen auf Ruhe und Erholung wiegt mehr als die Tradition. Der Uhrschlag entspringt nicht einer christlichen Tradition, sondern diente einst der zeitlichen Orientierung. Heutzutage ist niemand mehr darauf angewiesen.» Das Geläut, das etwa bei Gottesdiensten, Taufen, Hochzeiten oder Trauerfeiern ertönt, wolle er nicht einschränken. Die Evangelisch-reformierte Gesamtkirchgemeinde Bern will die Motion Wüthrich nicht kommentieren, signalisiert aber Gesprächsbereitschaft.

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