VON CLAUDIA MARINKA

Mehrfache fahrlässige Tötung, fahrlässige Nichtbefolgung von Dienstvorschriften: Die Anklage gegen die beiden ins Jungfrau-Drama involvierten Bergführer Pierre-Alain R. und Roger W. ist massiv. Ab morgen müssen sich die beiden vor dem Militärgericht in Chur verantworten. Am 12. Juli 2007 waren Bojan, Carlo, Cédric, Philippe, Théophile und Xavier tausend Meter in den Tod gestürzt.

Laut der militärischen Verfügungsschrift, die dem «Sonntag» vorliegt, ist R. vorbestraft. Dies geht aus dem Papier mit dem Vermerk «1 Vorstrafe» hervor. Wofür er bestraft wurde, will die Militärjustiz nicht sagen – mit Verweis auf den bevorstehenden Prozess.

Klar ist jedoch, dass es sich bei R. nicht um ein unbeschriebenes Blatt handelt. Der Schweizerische Bergfüh-rerverband hat offenbar Fehleinschätzungen des Angeklagten dokumentiert. Das belegt ein interner Untersuchungsbericht des Verbandes.

Daraus geht hervor, dass Rettungskräfte R. und seine Frau bei einer privaten Bergtour aus der Eigernordwand holen mussten. Gemäss dem Bericht war die Hilfe aufgrund von «Selbstüberschätzung» von R. nötig. Der Bergführerverband hält den Bericht unter Verschluss, weil eine Veröffentlichung zurzeit «zu heikel» wäre.

Die Rettungsaktion für R. und seine Frau sei «spektakulär» gewesen, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter des Bergführerverbandes. Es hätten miserable Wetter- und Windbedingungen geherrscht. Die Rettungskräfte hätten bei einer Evakuierung ihr eigenes Leben gefährdet gesehen. Sie machten R. den Vorschlag, zu biwakieren. Doch der Bergführer hatte offenbar nicht vorgesorgt – das Biwak fehlte. Der ehemalige Mitarbeiter des Verbands sagt dazu: «Ein Biwak gehört zur seriösen Bergsteigerausrüstung.»

Erstmals äussert sich nun auch R. selber. Zum «Sonntag» sagte er gestern: «Ich war seit der Rettungsaktion am Eiger mehrere Male oben und es ist nie mehr etwas passiert. Ich versuche als Bergsteiger in jeder Situation verantwortungsbewusst zu handeln.»

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