Bauern kämpfen gegen Handy-Strahlen

Die Kühe von Bauer Hans Sturzenegger gebaren blinde Kälber. Foto: Mario Heller

Die Kühe von Bauer Hans Sturzenegger gebaren blinde Kälber. Foto: Mario Heller



Handyantennen sollen stärker strahlen dürfen. Das will eine Motion. Jetzt formiert sich Widerstand.
Für die Kühe ist die Welt in Ordnung: Nach den Regentagen stehen sie wieder auf der Weide. Das saftige Grün reicht ihnen bis zu den Knien, sie grasen friedlich. Ein paar Minuten weiter zu Fuss, auf dem Hof im zürcherischen Reutlingen, endet die Idylle. Bauer Hans Sturzenegger ist fassungslos: Parlamentarier wollen die Strahlungsbegrenzung von Handyantennen lockern. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Geschichte, sagt er: «Das wäre ein Verbrechen an der Umwelt.»

Am nächsten Donnerstag befindet der Nationalrat über den Vorstoss der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen. Diese fordert, den Grenzwert der Mobilfunkanlagen anzuheben und ihn nicht mehr wie bisher pro Antenne, sondern pro Anbieter festzulegen. Dadurch könne das Netz ohne zusätzliche Antennen ausgebaut werden, argumentieren die Befürworter. Ein Monitoring soll eventuelle gesundheitliche Auswirkungen erfassen. Innerhalb der Kommission lehnten nur zwei Mitglieder ab; auch der Bundesrat empfiehlt die Annahme. Doch nun formiert sich Widerstand: Den Ärzten für Umweltschutz folgen der Hauseigentümer- und Bauernverband.

Bei Letzterem ist Thomas Jäggi für das Thema Elektrosmog zuständig. Er kritisiert die Pläne scharf: «Schöpfen neu alle drei Mobilfunkanbieter den Grenzwert einer Antenne aus, führt dies zu einer Verdreifachung der Strahlen.» Falls der aktuelle Oberwert zusätzlich angehoben würde, fallen die Werte noch höher aus, sagt Jäggi: «In dieser Motion ist eine Maximalforderung verpackt, die an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist.»

Überrascht vom Widerstand ist FDP-Nationalrat Kurt Fluri. Er ist Kommissionsmitglied, unterstützt die Motion. «Unser Vorstoss definiert den neuen Grenzwert nicht. Wie hoch er ausfällt, ist offen und muss diskutiert werden», sagt er. Die Befürworter eines gelockerten Strahlenschutzes sehen sich durch die Anlagegrenzwerte der EU bestärkt. Im Vergleich dazu reglementiert die Schweiz zehnmal strenger. Doch das hiesige Mobilfunknetz stosse an seine Grenzen, sagt Fluri: «Dieses Problem müssen wir anpacken. Wird die Motion abgelehnt, gibt es mehr Antennen. Die komplizierten Bewilligungsverfahren sind aber aufwendiger und teurer.»

Entzündungen und Krankheiten
Die Ablehnung des Bauernverbands gründet auf Fällen wie jener von Hans Sturzenegger. Der Landwirt sorgte vor mehr als zehn Jahren für Schlagzeilen. Rund zwölf Monate nachdem auf seinem Scheunendach die Handyantenne funkte, gebar die erste seiner Kühe ein Kalb mit weissen Pupillen. Sturzenegger, seit 1974 Landwirt, schöpfte keinen Verdacht. Als kurz darauf ein drittes und viertes Kalb mit Augenschäden zur Welt kam, wurde er misstrauisch. Mit Sorge beobachtete er, wie sich bei einigen seiner Kühe die Klauen lösten und die Euter entzündeten. «Am Anfang wurden meine Hinweise auf die Handyantenne nicht ernst genommen. Es hiess, ich sei ein Querulant, bilde mir das ein», sagt Sturzenegger.

Seine Tiere untersuchte Michael Hässig. Der Professor für Veterinärmedizin an der Universität Zürich stutzte ob der Häufung der Augenfehler. «Ein Drittel der Kälber kam mit dem grauen Star zur Welt», sagt er. Der Wissenschafter wollte mehr erfahren: Er lancierte fünf Studien, um die Auswirkungen von Elektrosmog auf Kühe und Kälber zu untersuchen. Mit seinem Team befragte er Landwirte, stellte drei Antennen in einem Stall auf, untersuchte die Pupillen von rund 300 geschlachteten Kälbern. «Dabei konnten wir einen gewissen Einfluss der Strahlungen nachweisen. Das Blutbild der Kühe veränderte sich durch die Bestrahlung. Bei trächtigen Tieren führte dies bei den Embryos zu vermehrten Schäden in der Augenbildung», sagt Hässig. Die Signifikanz sei zwar bewiesen, doch der Effekt falle bei gesunden Kühen gering aus. Und wie verändert sich das mit höheren Grenzwerten? «Ob Fehlbildungen zunehmen, ist ebenso unklar, wie verschiedene Frequenzen zusammenspielen», sagt Hässig. Er verweist auf den Hof von Sturzenegger. Dieser liegt unter einer Hochspannungsleitung und neben einer S-Bahn-Linie sowie einer Autobahn. Solch eine Ballung verschiedener Strahlenherde sei eine mögliche Erklärung, weshalb die Tiere dort so stark auf die Handyantenne reagierten. «Insbesondere die Magnetfelder der Züge dürfen nicht unterschätzt werden», sagt Hässig. Er betont, dass das aktuelle Wissen über Elektrosmog «äusserst dünn» sei: «Weltweit liegen aber genügend Indizien vor, damit wir weiterforschen müssen.» Er selber konnte seine geplante Studie nicht realisieren. Der Antrag zur Finanzierung wurde abgelehnt.

Für Hans Sturzenegger hingegen sind die Ursachen offenkundig. Um die 30 Bauern meldeten sich in den vergangenen Jahren bei ihm. Als er sie auf ihren Höfen besuchte, stellte er fest: Die Krankheitsbilder der Tiere ähneln sich frappant. Und auch die Probleme der Landwirte: hohe Tierarztrechnungen, keine Aussichten auf Schadenersatz, langwierige Streitigkeiten mit den Mobilfunkanbietern. «Würde der Grenzwert nun erhöht, käme die Wahrheit wohl schneller ans Licht», vermutet Sturzenegger. Seine Kühe, die heute auf den Wiesen grasen, sind gesund. «Die Probleme verschwanden, nachdem die Antenne entfernt wurde.»

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