Unter Bankern ist man sich einig: Das Steuerabkommen hat in Deutschland keine Chance mehr. Und das Erstaunliche ist: Es ist ihnen egal. Das jedenfalls sagten mehrere hochkarätige Exponenten der Branche am Bankiertag diese Woche – aber nur hinter vorgehaltener Hand.

Eine Mischung aus Resignation und Gleichgültigkeit macht sich in der Bankenszene breit. Das hat mehrere Gründe. «Die Banker haben genug vom ewigen Banken-Bashing, den sich wiederholenden negativen Schlagzeilen», sagt der Vizepräsident des Zürcher Bankenverbands, FDP-Kantonsrat Hans-Peter Portmann. «Sie wollen endlich Gewissheit, wie es weitergehen soll.» Der Streit mit Deutschland hat Nerven gekostet, die nicht enden wollenden Affären um gestohlene Daten-CDs haben Befürworter der Abgeltungssteuer umdenken lassen.

Weit wichtiger dürfte aber sein, dass die Abgeltungssteuer viel aufwendiger und teurer wird als ursprünglich angenommen. Die zuständigen Abteilungen der Grossbanken fluchen, kleine und mittelgrosse Institute schauen mit wachsender Sorge auf die hohen Kosten. Vor allem auch, weil kaum mehr einer glaubt, dass die Abgeltungssteuer als langfristige Alternative zum automatischen Informationsaustausch taugt. «Im besten Fall gewinnen wir ein paar Jahre», sagen Banker, die nicht namentlich genannt werden wollen.

Mutiger ist da Oswald Grübel: «Es sieht so aus, als ob die bilateralen Steuerabkommen ein kostspieliger Zwischenschritt sind, bis wir in einigen Jahren den automatischen Informationsaustausch akzeptieren», schreibt der Ex-UBS-Lenker in seiner aktuellen «Sonntag»-Kolumne (Seite 19). Ein Topbanker einer Grossbank sagt zum «Sonntag»: «Die Schweiz wird den automatischen Informationsaustausch übernehmen.»

Der Chef der Basellandschaftlichen Kantonalbank, Beat Oberlin, hielt Mitte August an der Halbjahresbilanz fest: «Betriebswirtschaftlich käme der automatische Informationsaustausch günstiger.» Dennoch will die Bank ihren Kunden die anonyme Abgeltungssteuer anbieten, ebenso die Raiffeisen-Gruppe. Und das, obschon sich ihr Chef Pierin Vincenz öffentlich für den automatischen Datenaustausch ausgesprochen hat. Fragezeichen gibt es, falls sich Deutschland gegen die Abgeltungssteuer entscheidet. «Was wir dann machen, ist noch offen», heisst es bei Raiffeisen. Bereits abgeschlossen hat die Schweiz Abkommen mit Grossbritannien und Österreich. Vorerst schert nur die Postfinance aus: «Kunden, die sich nicht melden und ihre Steuerschuld anonym per Abgeltung begleichen wollen, müssen ein anderes Finanzinstitut suchen», kündigte Postfinance-Chef Hansruedi Köng bereits im Juli im «Sonntag» an. Er begründete seinen Entscheid mit den Kosten: «Das lohnt sich einfach nicht für uns.» Noch unentschieden ist man bei der Valiant-Gruppe, die über einen «marginalen Teil ausländischer Kunden» verfüge. Die Einführung der Abgeltungssteuer werde derzeit «geprüft», sagt eine Sprecherin.

Offiziell stehen die Banken noch hinter der Abgeltungssteuer. «Jetzt müssen alle Durchhalten bis Ende November», sagt Hans-Peter Portmann mit Verweis auf eine allfällige Abstimmung in der Schweiz. Und er verspricht: «Für diese Abstimmung werden sich die Banken noch engagieren.» Doch bei den Finanzinstituten tönt es anders: Sie mischten sich nicht in die Politik ein, heisst es unisono. «Das ist Sache der Verbände», sagt etwa Pictet-Sprecher Simon Roth.

Auch in der Politik wenden sich immer mehr Akteure von der Abgeltungssteuer ab. So etwa die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz. Sie hätte eigentlich heute Sonntag am SP-Parteitag in Lugano das Pro-Votum zur Abgeltungssteuer halten sollen. «Aber das mache ich jetzt nicht mehr: Ich werde mich nicht mehr öffentlich zugunsten der Abgeltungssteuer äussern», sagt Fetz und liefert auch gleich noch die Begründung: «Weil Eveline Widmer-Schlumpf die Selbstdeklarationsvorlage auf die lange Bank geschoben hat. Das hat mich sehr verärgert.» Das sei aber ein zentraler Bestandteil der Weissgeldstrategie. «Ich habe Eveline Widmer-Schlumpfs Versprechen damals vertraut, jetzt ziehe ich die Konsequenzen.» Zudem fragt sich Fetz, wieso sie Überzeugungsarbeiten leisten soll für etwas, «das viele Banken offenbar doch nicht wirklich wollen. Dann sollen sie doch selber schauen, dass sie die Vorlage durchbringen.»

Fetz ist nicht die Einzige in der SP, die ihre Meinung geändert hat. In den eigenen Reihen hat die SP-Spitze bis gestern Abend jedenfalls niemanden mehr gefunden, der ihren Part übernehmen will. Vor den Sommerferien schätzte SP-Präsident Christian Levrat, dass rund ein Drittel der Genossen die Abgeltungssteuer unterstützen dürften. Gemäss seiner neusten Prognose dürften sich heute in Lugano rund 90 Prozent dagegen aussprechen.

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