Tempo 120 auf allen Schweizer Autobahnen – das war einmal. Heute sind auf 170 Autobahnkilometern umschaltbare Geschwindigkeitstafeln installiert, wie neue Daten des Bundes zeigen (siehe Grafik). Dort gilt vor allem zu Stosszeiten nicht mehr die Höchstgeschwindigkeit 120, sondern mal 100, mal 80 km/h.

«Es geht nicht um Schikane, sondern darum, die Kapazität des Autobahnabschnitts vollumfänglich auszureizen», sagt Guido Bielmann vom Bundesamt für Strassen (Astra). Fahren die Autos langsamer, könne die Streckenkapazität lokal um über 10 Prozent oder 700 Fahrzeuge pro Stunde gesteigert werden. Denn mit reduzierter Geschwindigkeit fahren die Autos dichter aufeinander.

Tatsache ist Tempo 80 heute vor allem in den grossen Agglomerationen sowie auf der A1. Doch in den nächsten Jahren verschärft der Bund das Tempo-Regime um weitere 280 Autobahnkilometer. Dies entspricht einer Strecke zwischen Zürich und Genf. Das bedeutet, dass in rund vier Jahren auf 30 Prozent des 4- und 6-spurigen Nationalstrassennetzes keine fixen Tempolimiten mehr existieren – und dass zumindest während der Stosszeiten Tempo 120 passé ist.

Und so funktioniert die dynamische Tempoanzeige: Sobald auf einem bestimmten Autobahnabschnitt das Verkehrsaufkommen zunimmt, geht eine Meldung bei der Verkehrsmanagement-Zentrale in Emmenbrücke LU ein. Dort entscheiden dann Verkehrsexperten, ob die Geschwindigkeit auf 100 oder 80 Stundenkilometer reduziert werden soll.

Das Astra zieht im Kampf gegen Staus für diese Massnahme eine positive Bilanz. «Der Verkehr fliesst regelmässiger und staut sich weniger», sagt Bielmann. Die Kehrseite: Im Durchschnitt ist es den Autofahrern während vier Stunden pro Tag auf den 170 Autobahnkilometer nicht möglich, schneller als mit Tempo 80 zu fahren.

Deshalb sind für den Thurgauer SVP-Regierungsrat und Präsident der Bau-, Planungs- und Umweltdirektoren-Konferenz (BPUK), Jakob Stark, die Temporeduktionen auf Autobahnen nur eine Notlösung in Stosszeiten: «Es darf keine Dauermassnahme sein, sondern es braucht einen Ausbau der Strassen, um das Stauproblem zu lösen.» Die geltenden Tempolimits seien in der Schweiz richtig angesetzt und dürften nicht reduziert werden.

Auch dem Generaldirektor des Automobil Clubs der Schweiz (ACS) sind die Tempo-80-Strecken ein Dorn im Auge. «Wenn Autofahrer durch die Geschwindigkeitsreduktionen 20 Prozent länger fahren müssen, steigen auch ihre Kosten um 20 Prozent», sagt Niklaus Zürcher. Anstatt Engpässe zu beseitigen, nehme der Bund Zusatzkosten für Private in Kauf. Das dürfe nicht sein.

Verkehrsexperten sehen in der Temporeduktion jedoch eine geeignete Massnahme, um das jährlich steigende Verkehrsaufkommen zu bewältigen. «Es spricht also alles für eine Geschwindigkeitsreduktion, nicht nur temporär», sagt Klaus Zweibrücken von der Hochschule für Technik Rapperswil. Die Leistungsfähigkeit einer Strasse erhöhe sich, wenn die Geschwindigkeit reduziert wird. Ausserdem würden bei niedrigen Geschwindigkeiten die Lärmemissionen massgeblich vermindert und der Benzinverbrauch würde spürbar reduziert. Hinzu kommt: «Wird langsamer gefahren, ist die Unfallgefahr geringer und die Unfallfolgen sind weniger gravierend.» Und Kay Axhausen von der ETH sagt: «Dort, wo die Belastungen konstant hoch sind, ist es sinnvoll, die Geschwindigkeitsobergrenzen herunterzusetzen.»

Dagegen wollen gleich zwei Eidgenössische Volksinitiativen ankämpfen. «Ja zu vernünftigen Tempolimiten», will auf Autobahnen Tempo 130 und auf Hauptstrassen ausserorts Tempo 100 festlegen. Und «Freie Fahrt statt Mega-Staus» fordert sechs Fahrspuren von Genf nach Lausanne, von Bern bis Zürich-Nord und rund um Winterthur. Beide Initiativen sind derzeit im Sammelstadium.

Während mehr als 20 000 Stunden bewegte sich der Verkehr vergangenes Jahr im Schritttempo. Nebst Temporeduktionen setzt das Astra auch auf die Umnutzung von Pannenstreifen. So sollen auf einer Länge von 125 Kilometern aus Pannenstreifen Fahrspuren werden. Zurzeit werden knapp 12 Kilometer an Pannenstreifen temporär genutzt, nämlich zwischen Morges und Ecublens VD. «Diese Massnahmen sind nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Das Verkehrsaufkommen ist so stark und schnell gewachsen, dass die Infrastrukturprojekte nicht mehr nachkommen», sagt Guido Bielmann vom Astra.

5,5 Milliarden Franken stehen bis 2028 gesamthaft für den Vollausbau im Rahmen des «Programms Engpassbeseitigung auf Nationalstrassen» zur Verfügung. Wollte man alle erkannten Engpässe auf diese Art eliminieren, wären laut Astra aber zusätzliche 15 Milliarden nötig.

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