VON ANGELA BRUNNER

Toni Matti kann es noch immer nicht fassen: Sozialtherapeut H. S. soll im Gümliger Internat Tannhalde zwanzig Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Rund hundert weitere Opfer fand er in acht anderen Heimen. «Das Ausmass der Missbrauchsfälle traf uns wie ein Tsunami», sagt der damalige Internatsleiter und Vorgesetzte von H. S. Matti zieht seine Schultern hoch: «Ich bin erschüttert und ratlos.»

Einige der Betroffenen leben noch heute in der alten Villa an ruhiger Lage. Das Internat bietet Platz für neun Bewohner. Diese sind in der Schule. An dem sonnigen Tag ist im Garten nur Vogelgezwitscher zu hören. «Wir wollen die Kinder schützen», sagt Matti. Medien will er momentan keinen Einblick ins Innere des Hauses gewähren. Hier hatte H. S. von 2002 bis 2008 gearbeitet. Nach rund drei Jahren hatte der mutmassliche Täter seine 80-Prozent-Stelle gekündigt, da angeblich die Belastung zu hoch war und er eine Therapieausbildung machen wollte.

Der Sozialtherapeut willigte allerdings ein, als Freelancer bei Engpässen einzuspringen. Dafür stellte ihm Matti ein gutes Zeugnis aus, lobte ihn als flexibel und allzeit einsatzbereit. Heute wisse er, dass dies Teil einer perfiden Strategie gewesen sei, um sich ungestörten Zugang zu den Bewohnern zu erschleichen. Matti bedauert, dass er den Täter damals nicht erwischt hat.

«Wahrscheinlich haben die unregelmässigen Arbeitszeiten die Missbräuche noch begünstigt, da die soziale Kontrolle geringer war.» 2008 kündigte er H. S., weil er mit kleinen Pensen aufräumen wollte. Zudem habe sich H. S. nicht an Weisungen gehalten, die ihm untersagten, spontan mit autistischen Kindern nach draussen zu gehen. Beispielsweise wollte er mit dem Kind einen Schneemann bauen. Bei der Vorstellung, dass dies nur ein Vorwand war, geht bei Matti heute die Fantasie durch, wie er erzählt.

Vorwürfe, dass die Leitung auf beiden Augen blind gewesen sei, treffen Matti hart. Er fragt sich, was er und seine Mitarbeiter falsch gemacht haben könnten. Ob sie Symptome anders hätte deuten sollen. «Wir haben alles Menschenmögliche getan, aber offensichtlich war es zu wenig», sagt er kopfschüttelnd.

Intern und extern werden derzeit die Konzepte überprüft. Matti wünscht sich zudem, durch eine wissenschaftliche Auswertung der Tatbestände, Beobachtungen und Dokumente zu einer Checkliste von Symptomen zu finden, die auf einen Missstand schliessen lassen. Man überlege sich auch eine Aufsichtsperson zu beauftragen, die unangemeldet mehrmals pro Jahr in dem Betrieb nach dem Rechten sehen soll. «Wir wollen kein Biotop für kranke Betreuer sein», betont Matti.

Das Vertrauen in die Institution ist seiner Meinung nach noch da: Keine Familie habe ihr Kind nach Bekanntmachung der Vorfälle aus dem Internat genommen.

In Zofingen, wo H. S. zuletzt als Aushilfe in der Nische tätig war, klingt es anders. Einer der betroffenen Bewohner der Aussenwohngruppe lebt nun bei seinem Vater. Das zweite Opfer habe den Missbrauch gut überwunden – bis vor wenigen Tagen die Bombe platzte und Medien das Haus belagerten. Wegen des nächtlichen Blitzlichtgewitters war ein Bewohner derart aufgeregt, dass er erbrechen musste. «Der Betroffene hat Angst, dass H. S. aus dem Gefängnis zurückkommt», erklärt Heinz Siegwart, Gesamtleiter der Nische.

Der Täter habe ihn dermassen unter Druck gesetzt, nichts zu verraten. Nun würden ihn unter anderem die Schlagzeilen von Boulevardblättern beunruhigen. Für den Medienbesuch liess der Leiter das Haus «evakuieren». Die Gruppe isst deshalb gerade auswärts zu Mittag. In der familiären Wohngruppe in Zofingen leben vier geistig behinderte Erwachsene, die eine intensive Betreuung brauchen. Sie kochen, waschen und helfen im Haushalt. Tagsüber arbeiten sie in einem Beschäftigungspavillon der Stiftung, wenn es ihre Verfassung zulässt.

«H. S. brachte Fragen zur Sexualität ein und verbreitete das Gerücht, dass die Bewohner untereinander etwas am Laufen hatten», sagt Siegwart. Er tat dies, um die Mitarbeiter zu manipulieren und einen allfälligen Verdacht von sich abzulenken, ist Siegwart heute überzeugt. Niemand kam ihm auf die Schliche. Als der neuste Bewohner im Haus unruhig war und sich beispielsweise nach dem Ankleiden wieder entblösste, deuteten dies die Betreuer nicht als Symptom für einen Missbrauch, sondern als Folge einer ungewohnten Umgebung.

Siegwart vermutet, dass die Triebe von H. S. so stark waren, dass er das Risiko einging, sich an jungen Männern zu vergreifen, die reden können – im Gegensatz zu seinen früheren Opfern. Die Beschäftigung mit der Sexualität, beispielsweise mit einem Aufklärungsheft, habe die Opfer schliesslich ermutigt, über die Übergriffe zu sprechen. «Bei uns hat sein Treiben ein Ende gefunden. Unsere Präventionsmassnahmen haben gegriffen», sagt Stiftungspräsident Ruedi Schärer. Andere Institutionen interessieren sich bereits für ihre Konzepte.

«Das Verrückte ist, dass wir mit Missbräuchen rechnen müssen», sagt Siegwart. Seine persönliche Betroffenheit ist gross, da er wegen seiner Kindheit selbst belastet ist. Mit einer offenen Kommunikation will er die Leute sensibilisieren und verhindern, dass andere ähnliche Erfahrungen machen müssen. Klar ist, dass H. S. mehrere Leiter getäuscht hat. In vielen betroffenen Institutionen wollte er nachts arbeiten und Überzeit machen, um mit seinen Opfern alleine zu sein.

«Er wirkte wie eine gemütliche, vertrauenserweckende und unscheinbare Person und nicht wie jemand, der ein Monster verbirgt», sagt Schärer. Und er brachte gute Zeugnisse mit. Ursprünglich hatte die Leitung H. S. nicht für eine Stelle im Kernteam berücksichtigt. Als man später eine Aushilfe suchte, griff man auf ihn zurück.

H. S. bewährte sich, kam selbst mit schwierigen Bewohnern zurecht, sodass er sein Pensum gegen Ende auf 75 Prozent ausbauen konnte. Über Lücken im Lebenslauf sah man hinweg, da er glaubhaft machen konnte, dass er 2004 eine Firma gegründet und Betreuermandate übernommen hat.

Die Karriere von H. S. in Zofingen endete erst nach rund neun Monaten – mit seiner Verhaftung. Damals ahnte noch niemand, dass damit eine beispiellose Missbrauchsserie auffliegen würde.

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