Von Ricardo Tarli Aus Berlin

Bei der schweizerischen Botschaft in Frankreich häufen sich die Anfragen besorgter Eidgenossen, die sich in ihrer Wahlheimat nicht mehr sicher fühlen. «Nach den Anschlägen in Paris haben sich etwas mehr Schweizer Staatsangehörige als üblich an die Botschaft gewandt mit dem Wunsch, in die Schweiz zurückzukehren», sagt Carole Wälti, Pressesprecherin im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auf Anfrage.

Laut dem EDA gingen in den Tagen direkt nach den Terror-Anschlägen vom 13. November täglich mehrere Anrufe besorgter Bürgerinnen und Bürger auf der Pariser Botschaft ein. Die meisten Ratsuchenden stellten Fragen zu bevorstehenden Reisen innerhalb Frankreichs, etwa ob sie diese antreten sollten oder nicht. Die Anzahl solcher Anrufe sei nun aber wieder rückläufig, heisst es beim EDA. Nicht nur Schweizer, sondern auch Franzosen fassen unter dem Eindruck der jüngsten Terroranschläge einen möglichen Umzug in die scheinbar sicherere Schweiz ins Auge: «Wir stellen in letzter Zeit eine erhöhte Anzahl von Anfragen von französischen Staatsangehörigen fest, die in die Schweiz ziehen möchten, darunter auch solche, die keine familiären Beziehungen zur Schweiz haben», sagt Wälti.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auf der schweizerischen Botschaft in Berlin. Dort melden sich nicht erst seit den Terroranschlägen in Paris vermehrt verunsicherte Schweizer. «In Berlin gab es in den letzten Tagen Anrufe deutscher Staatsangehöriger, die sich nach den Bedingungen für eine eventuelle Einreise in die Schweiz erkundigt haben, weil es dort vielleicht weniger gefährlich sei», sagt EDA-Pressesprecherin Wälti.

Die unübersichtliche Sicherheitslage sorgt nicht nur unter einem Teil der Auslandschweizer für Nervosität. Auch die starke Zuwanderung von Flüchtlingen nach Deutschland bereitet ihnen offenbar so grosse Sorgen, dass sie über eine Rückkehr in die Schweiz nachdenken. «Vier Schweizer Staatsangehörige hatten in den letzten Monaten über die Botschaft in Berlin Pässe ausstellen lassen, um angesichts der Flüchtlingssituation in Deutschland allenfalls in die Schweiz zurückkehren zu können», sagt Carole Wälti. Allerdings habe von den vier Schweizern niemand explizit erwähnt, dass eine Ausreise tatsächlich geplant sei. «Es ging bei den Anfragen um vorsorgliche Abklärungen.» Das EDA spricht von Einzelfällen.

Ob Einzelfälle oder nicht, sie sorgen innerhalb der deutschen Schweiz-Community für Kopfschütteln. «Ich kann das nicht nachvollziehen», sagt Elisabeth Michel, Präsidentin der Auslandschweizer-Organisation Deutschland. «Ein solches egoistisches Verhalten passt nicht zur Schweizer Mentalität. Uns geht es doch gut hier. Niemand muss Angst haben.»

Die oberste Auslandschweizerin in Deutschland ruft ihre Landsleute zu mehr Solidarität mit den Flüchtlingen auf. «Wir Schweizer sollten vor den Problemen nicht davonlaufen, sondern mit anpacken.» Die 67-jährige Auslandschweizerin hat in Osnabrück geholfen, ein Kleiderlager für Flüchtlinge aufzubauen.

Trudy Bruhn-Walz, Präsidentin der Schweizerischen Wohltätigkeitsgesellschaft Berlin, kann diese Ängste vor Flüchtlingen auch nicht verstehen. «Ich rate niemandem, in die Schweiz zurückzukehren, weil dort die Stimmung gegen Flüchtlinge auch aufgeheizt ist», sagt die 66-Jährige. «Kein Auslandschweizer muss sich in Deutschland vor den Flüchtlingen fürchten.»

Für den Zürcher Sicherheitsexperten Albert A. Stahel ist es denkbar, dass nun vermehrt Menschen aus dem benachbarten Ausland in die Schweiz übersiedeln werden, «aus Angst vor Anschlägen». «Das Bild der Schweiz als sicherer Hafen Europas entspricht jedoch nicht mehr der Realität», gibt er zu bedenken. Dieses Bild stamme aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Zwar ist nach Stahels Einschätzung die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags in der Schweiz derzeit als gering einzuschätzen. «Die Gefährdung der Schweiz muss dennoch als relativ hoch beurteilt werden, weil das Land über eine hoch entwickelte Infrastruktur, wie beispielsweise ein engmaschiges Bahnnetz, verfügt», so Stahel.

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