Er stellt die US-Fahne mitten in den Raum. Dann fordert Jason P. Clark, der Vorsitzende der Republikaner San Franciscos, zum Treuegelöbnis gegenüber der US-Fahne auf. 17 Männer erheben sich, legen ihre rechte Hand aufs Herz: «Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden.»

Unteilbar? Mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden? So unverbrüchlich wie einst scheint das nicht mehr zu sein im Amerika von heute. Die ungewöhnliche Runde, die sich in einem Hinterzimmer der «Sausage Factory» in der Castro Street versammelt hat, wirkt ein wenig wie eine klandestine Tagung. Es sind lauter homosexuelle Republikaner aus San Francisco, die sich für ihr monatliches Log Cabin Meeting treffen. Es nennt sich so in Erinnerung an Abraham Lincoln, den ersten republikanischen US-Präsidenten der Geschichte. Er war in einer Log Cabin, einer Blockhütte, zur Welt gekommen.

Der konspirative Charakter ist kein Zufall. Republikaner, vor allem Wähler von Donald Trump, müssen ihre Gesinnung im San Francisco von heute verheimlichen. Ein Outing hätte unabsehbare gesellschaftliche und berufliche Folgen. Die Republikaner fürchten ihre Ächtung.

Politisch sind die Republikaner hier seit Jahrzehnten marginalisiert. Bei den Präsidentschaftswahlen von 2012 kamen sie auf nur 47 076 Stimmen oder 13 Prozent Wähleranteil. Das ist nichts gegen die 301 723 Stimmen oder 83,4 Prozent Anteil der Demokraten.

Sechsmal konnten die Republikaner seit 1904 die Präsidentschaftswahlen in San Francisco gewinnen, letztmals vor 60 Jahren. Und 1964, kurz vor der 68er-Bewegung, stellten sie den letzten Stadtpräsidenten. Inzwischen sind sie in die Bedeutungslosigkeit abgesunken. «San Francisco ist die linkste Stadt der Welt», sagt Fred Schein, 73. Er war bis vor kurzem Präsident der Log Cabin San Francisco. Es ist die lokale Gruppe, welche die grösste republikanische Organisation für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern (LGBT) begründet hat. «Ich kenne keine linkere Stadt und kein linkeres Land auf der Welt. Schweden, Dänemark und Norwegen sind konservativer als San Francisco.»

«Volksrepublik San Francisco»
Ähnlich sieht das Gene Epstein, 41, Senior Marketing Manager im Silicon Valley, der in San Francisco wohnt. «Meine Freunde sprechen nur noch von der ‹Volksrepublik San Francisco›», sagt er. «Weil es hier nur noch eine Partei gibt, die Demokraten. Das ist wie einst in der DDR.» Epstein muss es wissen. Er wuchs in der Sowjetunion auf, wanderte in die USA aus und verenglischte dafür seinen Namen.

Inzwischen hat er nicht nur den Namen an die örtlichen Verhältnisse angepasst. Er gibt sich auch politisch höchst zurückhaltend. Er hütet sich davor, sich in San Francisco als Republikaner zu outen. Das sei zu heikel, es drohe ihm Ausgrenzung. «Dass ich homosexuell bin, kann ich an der Arbeit offen deklarieren», sagt er. «Dass ich Republikaner bin, würde ich hingegen nie eingestehen.» Selbst Bekannte wissen davon nichts. «Ich weihe nur langjährige Freunde ein.» Er sei zu «100 Prozent» einverstanden damit, was die Transgender-Aktivistin Caitlyn Jenner während des Konvents der Republikaner vor eineinhalb Wochen gesagt hatte: «Es ist viel einfacher, ein Coming-out als Transgender zu machen denn als Republikaner.» Jenner war Goldmedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele von 1976 im Zehnkampf. 2015 outete sie sich als Transfrau.

Epstein ist nicht der einzige Republikaner aus San Francisco, der seine politische Gesinnung aus Angst vor Repressionen verheimlicht. Viele gehen genauso vor. Wie der renommierte Wirtschaftsjournalist Ralph* aus San Francisco. Er will anonym bleiben. Ralph bezeichnet sich selbst als «liberalen Republikaner». Im Gegensatz zu Epstein ist für ihn klar, dass er Trump wählt. Er glaubt an dessen Verhandlungsfähigkeiten. Im Büro spreche er aber nicht über seine politische Gesinnung, sagt er. Und schon gar nicht, dass er Trump wählen möchte. «Das käme nicht gut an in einer Stadt wie San Francisco.» Für Gene Epstein zeigt das, dass die Polarisierung ein ungesundes Mass angenommen hat. Er gibt den Medien die Schuld am Hassklima. «Sie stellen uns Republikaner seit Jahrzehnten als Rassisten und Fremdenfeinde dar», sagt er. Sie zeichneten mit System das Bild der «bösen Partei der Reichen».

In San Francisco, vor allem im Silicon Valley, wächst die Sorge über einen allfälligen US-Präsidenten Trump. Umso mehr, als diese Woche eine CNN-Wählerumfrage Trump erstmals vor Hillary Clinton sah. Die Voten über Trump fallen nicht sehr wohlwollend aus. Der hohe Manager eines Tech-Konzerns sagt lakonisch: «Donald Trump? Ich weiss nicht, wie man den Namen schreibt.» Und ein Stanford-Professor hält fest: «Donald Trump wäre eine Katastrophe. Eine Katastrophe für die ganze Welt.» Im Silicon Valley nennt man Trump inzwischen in einem Atemzug wie den Brexit in Grossbritannien. Man hört den Vergleich mit Boris Johnson. Und sogar mit Marine Le Pen.

145 Manager aus dem Silicon Valley sprachen sich in einem offenen Brief gegen Trump aus. Er stehe für «Zorn, Fanatismus und Angst vor neuen Ideen und Leuten und die grundsätzliche Idee, dass die USA schwach und auf dem absteigenden Ast» seien.

Ganz anders sieht das eine andere Grösse des Silicon Valley. Paypal-Gründer und Facebook-Verwaltungsrat Peter Thiel unterstützt Trump. Er war es, dem es als erstem Redner an einem republikanischen Parteitag überhaupt vorbehalten war, offen über seine Homosexualität zu reden. «Ich bin stolz, schwul zu sein. Ich bin stolz, Republikaner zu sein», rief Thiel ins Rund – und erntete Standing Ovations.

Thiel war für die gebeutelten Republikaner von San Francisco ein kleiner Lichtblick in eher düsteren Zeiten.

* Name der Redaktion bekannt

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper
Demokratin Hillary Clinton: Viele sehen in ihr ein Übel – aber ein kleineres. Foto: Keystone

Die Republikaner von San Francisco in der «Sausage Factory». Foto: ATT