Sie laufen weiter, die Schweizer Atommeiler. Das Stimmvolk hat die Atomausstiegsinitiative abgelehnt. Damit folgt das nukleare Ende dem Fahrplan des Bundes. Doch die Energiestrategie 2050 ist noch nicht in Stein gemeisselt.

Einerseits erhält das Referendum der SVP gegen die Energiestrategie 2050 steigenden Zuspruch aus Politik und Wirtschaft. Andererseits ist nach der Abstimmungsniederlage der Grünen die Zeit für Atombefürworter gekommen, nochmals grundsätzlicher über die Nuklearenergie zu diskutieren. «Die aktuelle Generation von Atomkraftwerken hat künftig in der Schweiz zu Recht keine Chance mehr», sagt der Ex-Alpiq-Chef Giovanni Leonardi. «Aber langfristig sind neue Technologien, wie die sogenannte vierte Generation von Atomkraftwerken, alles andere als vom Tisch.» Der Energiekonzern Alpiq, den Leonardi 2004 bis 2011 leitete, ist einer der grössten Atomstromproduzenten in der Schweiz und als Aktionär an den grössten Atomkraftwerken Gösgen (40 Prozent) und Leibstadt (32,4 Prozent) beteiligt. Beide Werke laufen nach dem Nein unbefristet weiter. Früher oder später werden aber auch die grossen Meiler vom Netz gehen. «Das könnte die Versorgungssicherheit im Land gefährden», so Leonardi. Spätestens wenn dann die Strompreise anstiegen, könnte die Atomenergie wieder zur Diskussion stehen, sagt er.

Streit um Wirtschaftlichkeit
Auch für Hans Schweickardt, ehemaliger Präsident der Alpiq, ist die Atomkraft langfristig «keinesfalls gestorben». Aktuell sei die Debatte ideologisch beladen, sagt er. Mit dem Nein zur Atomausstiegsinitiative bleibe aber nun erst einmal die Zeit, vielleicht von dieser Ideologie etwas abzukommen. Die Schweiz habe nun Zeit, mehr Erfahrungen mit dem Umstieg auf erneuerbare Energie zu sammeln. Und dies, so erwartet Schweickardt, sei nicht unbedingt nur positiv. Die Schweiz brauche unbestritten langfristig einen Energiemix, bei dem Erneuerbare eine wichtige Rolle spielten. Aber hinsichtlich der Energiekosten werde gegenüber dem Stimmvolk mächtig Augenwischerei betrieben, sagt Schweickardt, aktuell Präsident des polnischen Energieversorgers Polenergia. «Nur dank den Subventionen ist der Strompreis aus Erneuerbaren günstiger. Nach aussen herrscht daher ein verzerrtes Bild.»

Das sei Unsinn, sagt Energiepolitiker und SP-Fraktionschef Roger Nordmann: Die Wind- und Sonnenenergie schlage die Atomkraft mittlerweile auch bei der Wirtschaftlichkeit. «Dank des technischen Fortschritts werden Erneuerbare immer günstiger, während die Atomenergie kaum vorwärtskommt – dafür aber ihre Gestehungskosten steigen», sagt Atomgegner Nordmann. Der beste Beweis sei doch, dass die AKW-Betreiber ihre hängigen Bewilligungsgesuche für neue Werke im Oktober 2016 zurückgezogen hätten.

Etwas nüchterner argumentiert der Schweizer Gewerbeverband (SGV) gegen das Strom-Subventionssystem: «Das entsprechende Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 ist nicht gerade das Gelbe vom Ei, weil die Subventionen weiter erhöht wurden», sagt SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler. Zudem lasse die Strategie bislang offen, wann nun endlich der Strommarkt ganzheitlich liberalisiert werde.

Von einer atomfreien Schweiz hält man weder beim SGV noch beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse viel. «Wir haben uns immer gegen ein Technologieverbot ausgesprochen, wie es aktuell die Energiestrategie 2050 gesetzlich vorsieht», sagt Bigler. Die aktuelle AKW-Generation sei wirtschaftlich nicht mehr rentabel.

Seit mehreren Jahren schreiben Betreiber wie Axpo, Alpiq oder BKW rote Zahlen, da mit dem Strompreisezerfall die Gestehungskosten der Produzenten über dem Marktpreis liegen. «Langfristig müssen nukleare Technologiefortschritte, die bei Sicherheit und Effizienz einen klaren Fortschritt bringen, aber jederzeit wieder diskutiert werden können», so Bigler.

Bei der Energieproduktion stehe nicht die Technologie im Vordergrund, sagt Economiesuisse-Sprecher Michael Wiesner: «Für uns ist eine unterbruchsfreie Energieversorgung zu international wettbewerbsfähigen Energiepreisen zentral.» Beide Verbände wollen nach Ablauf der Referendumsfrist im Januar beraten, welche Parolen sie mit Blick auf eine Volksabstimmung zur Energiestrategie 2050 formulieren werden.

«Nicht ohne das Volk»
Der ehemalige Alpiq-Präsident Schweickardt räumt dem Referendum gute Chancen ein. «Eine solch folgenreiche Weichenstellung, wie sie die Energiestrategie 2050 vorsieht, kann nicht ohne die Mitsprache des Volkes vorgegeben werden.» Auch die Stromversorger hoffen wohl auf den erneuten Volksentscheid nächstes Jahr. Alpiq und BKW nehmen dazu im Detail keine Stellung, allein Konkurrent Axpo findet klare Worte: «Mit dem Referendum zum ersten Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 wäre sichergestellt, dass die Strategie nur umgesetzt wird, wenn sie die Unterstützung des Stimmvolks hat», sagt Axpo-Sprecher Rainer Meier.

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