Unzureichende Betreuung, schlechtes Essen, ungenügende Grundversorgung von Bekleidung: Im Zentrum Eigenthal lief einiges nicht rund. Weshalb?
Stefan Moll-Thissen: Die Betreuung war grundsätzlich auf gutem Niveau. Wir bedauern jedoch, dass etliches den Ansprüchen nicht genügte. Wir reagierten sehr schnell auf diese Situation. Wichtig ist zudem: Dieses Zentrum war nicht für Familien vorgesehen.

Das Bundesamt für Migration schickte plötzlich Roma-Familien.
Von einem Tag auf den anderen. Es war aber an uns, adäquat auf die veränderte Situation zu reagieren. Das taten wir nicht konsequent genug. Für die vielen Kinder hatten wir zwar Pulvermilch, Salat und Gemüse, aber keinen Brei. Und als es kälter wurde, hätten wir viel mehr passende Kleider vor Ort haben müssen.

Es gab grosse Probleme mit dem Leiter des Zentrums. Recherchen vor Ort zeigen, dass er Asylsuchende sogar als «Tiere» bezeichnet haben soll.
Es wurden massive Vorwürfe erhoben. Deshalb nahmen wir sie auch sehr ernst. Wir beauftragten die Schweizerische Flüchtlingshilfe, die als kritische Fachorganisation bekannt ist, mit einer Untersuchung. Ich bin sehr dankbar für diese Aussensicht. Ganz ausschliessen kann ich nicht, dass das Wort «Tier» tatsächlich fiel. Es steht hier offenbar Aussage gegen Aussage. Der Vorfall konnte nicht abschliessend geklärt werden. Die massiven Vorwürfe wurden aber teilweise entkräftet. Es liegt auch kein Straftatbestand vor. Sicher ist: Dem Leiter fehlten Fingerspitzengefühl und Empathie.

Beweist Eigenthal, dass die ORS den Gewinn auf Kosten der Asylsuchenden maximiert?
Wir eröffneten die Unterkunft innert Wochen, haben ein starkes Team mit einem Sozialpädagogen, einer ausgebildete Lehrerin, Mitarbeitern mit Ausweisen des Roten Kreuzes und jemanden mit Erfahrung aus der Gastronomie. Alle arbeiteten mehr als erforderlich, weil dies nötig war.

Aber ORS ist natürlich ein gewinnorientiertes Unternehmen.
Vor allem: Wir kennen keine Defizitgarantien, weder von Bund noch Kantonen. Bei uns gibt es auch keine Quersubventionierung. Wir haben einen klaren Kostenrahmen. Damit gehen wir haushälterisch um.

Sie schämen sich nicht für Gewinne?
Nein. Auch eine Non-Profit-Organisation ist sehr darauf bedacht, keine Verluste zu machen. Sie wirtschaftet so, dass etwas übrig bleibt. Bei uns fliesst dann ein Teil an den Steuerzahler zurück.

Welche Konsequenzen ziehen Sie?
Es ist ein wichtiger Teil unserer Firmenphilosophie, aus Fehlern zu lernen. Ein Punkt ist, auf veränderte Situationen rasch und gut zu reagieren. Wichtig ist uns zudem: Wir werden künftig aktiv kommunizieren und damit darlegen, welches die Anforderungen an eine gute Betreuung sind. Wir wollen nicht länger andere über uns reden lassen. Wir klären zudem ab, wie wir das Controlling verbessern können.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen im Asylwesen?
Renitenz ist eine. In Urdorf stahlen zwei Asylsuchende einen Schafsbock und schlachteten ihn. Das sind neue Situationen, mit denen sich unsere Mitarbeiter konfrontiert sehen. Hier zeigt sich: Asylbetreuung ist etwas für Pragmatiker. Sicherheitsprobleme sind auch ein Thema. Unsere Mitarbeiter sind also Mutter, Vater, Polizist, Psychologe, Krankenschwester, Mediator, Animator und auch Blitzableiter.

Wo muss die Politik handeln?
Wir wären froh, wüssten wir etwas konkreter, welche Asylsuchende die Politik wie genau beschäftigt haben möchte. Jene, die neu ankommen? Jene, die länger warten müssen? Oder die Dublin-Fälle? Auch kürzere Verfahren und klare Entscheide würden uns sehr helfen. Die Phase des Wartens, der Unruhe und der Unwissenheit erschwert den Zentrumsalltag.

Es ist ein Glaubenskrieg im Gang zwischen Hilfswerken und gewinnorientierten Unternehmen. Die ORS steht im Zentrum. Erschwert das die Sache?
Die Mitarbeiter der Hilfswerke machen ihren Job mit demselben Engagement wie unsere Fachleute. Bei dem, was ich lese, ist aber viel Scheinheiligkeit und eine Scheinmoral vorhanden. Asylsuchende werden zunehmend politisch instrumentalisiert.

Für Linke ist die ORS ein Feindbild.
Kommentare und Kritik spornen uns an, auch wenn es viel Kraft und Energie kostet.

Da sind enorme Emotionen im Spiel.
Emotionen gehören dazu. Es wird aber sicher mit unterschiedlichen Ellen gemessen. Wir werden anders beurteilt als das bei einem Hilfswerk der Fall ist. Bei uns schaut man genauer hin.

Weshalb?
Das hängt mit Klischees zusammen. Hilfswerken nimmt man eher ab, menschenfreundlich und sozial zu sein. Aber damit stellt man noch keine zuverlässige und faire Betreuung sicher.

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