Die Ankunft des Geisterfrachters «Ezadeen» mit 450 Flüchtlingen vor Italien war wohl erst der Anfang. 2015 dürften die Flüchtlingsströme aus dem Nahen und Mittleren Osten Richtung Europa nochmals zunehmen – mit Folgen auch für die Schweiz. Bis zu 31 000 Asylanträge erwartet das Staatssekretariat für Migration (SEM) dieses Jahr. Das wären knapp 9000 Menschen mehr, als 2014 zwischen Januar und Ende November einen Asylantrag stellten.

Eine Umfrage bei den Asylkoordinatoren in den Kantonen zeigt: Obwohl derzeit etwas weniger Asylsuchende in die Schweiz gelangen als noch im Sommer, sind die meisten Unterkünfte praktisch voll. So beträgt die Belegungsrate in den kantonalen Unterkünften zwischen 90 und fast 100 Prozent. Im Kanton Luzern beträgt die Auslastung sogar 117 Prozent. «Wir eröffnen in den nächsten zwei Monaten vier zusätzliche Unterkünfte und hoffen so, zumindest im Frühling etwas Luft zu haben», sagt der Luzerner Asylkoordinator Ruedi Fahrni. Sobald sich die Zahl der Asylsuchenden wieder erhöhe, werde aber eine neue, aufwendige Suche nach zusätzlichen Plätzen beginnen.

Besonders knapp sind die Betten auch im Kanton Aargau. Dort sind von insgesamt 1860 Betten 1833 belegt. «Es werden wohl 300 zusätzliche Plätze zu schaffen sein», sagt Daniela Diener vom Departement Gesundheit und Soziales mit Blick auf das laufende Jahr. Auch im Kanton Zug beträgt die Auslastung fast 100 Prozent. Das Zuger Sozialamt erarbeitet deshalb ein neues Notfallkonzept. Am Anschlag ist auch der Kanton Genf: Dort suchen die Behörden 500 zusätzliche Betten.

Die knappen Platzverhältnisse in den Kantonen erschweren die Aufnahme von zusätzlichen Flüchtlingen aus Syrien, wie sie diese Woche verschiedentlich gefordert wurde. Die SP rief den Bundesrat am Freitag auf, 5000 Syrer aufzunehmen. 100 000 Flüchtlingen will eine Gruppe um den Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli Schutz bieten. Selbst aus der SVP sind inzwischen milde Töne zu hören: Ihr Nationalrat Heinz Brand sprach sich dafür aus, Menschen aus Syrien unbürokratisch als Schutzbedürftige aufzunehmen.

Verständnis für diese Idee zeigt Peter Gomm (SP), Solothurner Regierungsrat und Präsident der kantonalen Sozialdirektoren. «Würde die Anzahl Flüchtlinge aus Syrien sehr stark ansteigen, so müsste dieses Vorgehen geprüft werden.» Die Kantone müssten allerdings vorher angehört werden, um abzuklären, wie viele Personen überhaupt aufgenommen werden könnten. Begrüssen würde Gomm eine vermehrte Unterbringung von Flüchtlingen bei Privaten, allerdings nur solange das nicht zu Parallelstrukturen führe.

Skeptisch ist dagegen der Berner Hans-Jürg Käser (FDP), Präsident der kantonalen Justizdirektoren. Er weist besonders die Idee Glättlis zurück. «Forderungen nach einer Aufnahme von 100 000 weiteren Flüchtlingen sind realitätsfremd. Es gibt in den Kantonen schlicht keinen Platz.»

Vor grosse Probleme stellt die Kantone, dass ein Grossteil der Asylsuchenden für lange Zeit in der Schweiz bleiben werden. Denn bei vielen Gesuchstellern handelt es sich um Menschen aus Kriegsgebieten. Im November 2014 wurden 31,7 Prozent als Flüchtlinge oder vorläufige Personen anerkannt. Ein Jahr zuvor waren es noch 19 Prozent aller Asylsuchenden.

Die Folge ist, dass sich die Asylzentren füllen. «Wir müssen von einer überdurchschnittlichen Bleibequote ausgehen. Das stellt uns vor Schwierigkeiten», sagt Fiona Elze, Abteilungsleiterin Asylwesen im Kanton Schwyz. Zum einen seien die Mittel vom Bund für die Unterbringung bescheiden, zum anderen sei es in Schwyz schwierig, Wohnungen für anerkannte Flüchtlinge oder vorläufig aufgenommene Personen zu finden.

In Schaffhausen ist Thomas Elber vom Sozialamt allerdings überzeugt, dass auch ein deutlicher Anstieg von Flüchtlingen aus Syrien zu bewältigen wäre. Während der Balkan-Krise 1999 hätten gegen 50 000 Asylsuchende untergebracht werden müssen. «Es ist nicht eine Frage der Anzahl Plätze, die derzeit vorhanden sind, sondern eine Frage des politischen Willens und der Unterstützung durch die Bevölkerung in einer echten Krise», sagt Elber.

Entlastet werden die Kantone allerdings erst, wenn die geplanten Bundeszentren in Betrieb gehen. Doch noch ist in den meisten der sechs definierten Asylregionen offen, wo die Zentren erstellt werden.

Gespannt warten die Verantwortlichen des Bundes zudem auf die Vorschläge der EU-Kommission: Sie hat für nächste Woche Massnahmen im Kampf gegen den Menschenschmuggel auf dem Mittelmeer angekündigt.

Doch die Hoffnungen auf eine neue Flüchtlingspolitik aus Brüssel sind gering. Der zuständige EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos war zuvor Verteidigungsminister in Griechenland. Die Asylzustände sind dort seit Jahren so schlecht, dass viele europäische Länder aufgehört haben, abgewiesene Asylbewerber dorthin zurückzuschicken.

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