Der Stress am Arbeitsplatz steigt: unregelmässige Arbeit, oft zu allen Tages- und Wochenzeiten. Überstunden, fehlende Pausen, unterbrochene Freizeit und Ferien. Nicht zuletzt darum häufen sich Gesundheitsprobleme wie Burnouts, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen oder Schlafstörungen. Das schädigt nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die Wirtschaft, die Allgemeinheit: Arbeitsunfähigkeit und Leistungseinbussen sind die Folgen.

Als Gegenmittel sehen die Gewerkschaften die Arbeitszeiterfassung in den Betrieben. Sie soll verhindern, dass sich Arbeitstätige krankarbeiten. Aber Luca Cirigliano, Zentralsekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), stellt fest: «Es hapert beim Vollzug der Arbeitszeiterfassung. Viele Kantone kommen ihrer Kontrollpflicht nicht nach. Damit nehmen sie in Kauf, dass stressbedingte Krankheiten massiv zunehmen.»

Das noch unveröffentlichte SGB-Papier «Arbeitszeit kontrollieren statt Burnouts kurieren» zeigt: Die Einhaltung der Bestimmungen wie etwa Erfassung der Arbeitszeit werden von Bund und Kantonen mehr schlecht als recht kontrolliert. Das Papier basiert im Wesentlichen auf einer Erhebung bei einer Reihe von kantonalen Arbeitsinspektoraten (KAI) über ihre Kontrolltätigkeit.

Für Studien-Mitautor Cirigliano steht fest: «Den KAI fehlen Geld und Mitarbeiter, um die Kontrollen durchzuführen.» Obwohl die Inspektorate diese Kontrollen gerne durchführen würden. Aber laut der Erhebung weisen die KAI selbst auf ihre «personelle und finanzielle Unterdotierung hin».

Bedenklich: Einige KAI sind der Auffassung, sie stünden unter Druck ihrer Regierungen, möglichst wenig Kontrollen zu machen. Die Ressourcen für den psychosozialen Gesundheitsschutz würden «ganz bewusst knappgehalten, um Besuche bei Betrieben, insbesondere hinsichtlich Vollzug der Arbeitszeiterfassung, so gering wie möglich zu halten», steht im SGB-Papier. Vermutlich, um Arbeitgeber nicht zu verärgern, glauben Vertreter der betroffenen Inspektorate.

Das Problem wurde bisher stiefmütterlich behandelt. Die Umfrage ergab, dass systematische oder stichprobenhafte Kontrollen der Arbeitszeiterfassung kaum stattfinden. Es gibt laut SGB «ausser der Zahl der Anzeigen keine weiteren gesicherten statistischen Daten zur Kontrolltätigkeit der KAI im Bereich Arbeitszeiterfassung». Und der SGB musste, um zu verwertbaren Zahlen zu kommen, die Erhebung anonymisiert auswerten. Offen wollte niemand antworten.

Das Problem der fehlenden Arbeitszeiterfassung besteht namentlich in der Dienstleistungsbranche: Detailhandel, Informatik-, Finanz- und Versicherungsbranche. In Letzteren wird Personal laut Cirigliano teilweise förmlich ausgebeutet. In Industrie und Gewerbe dagegen wird die Arbeitszeit weit besser erfasst.

Im Papier fordert der SGB jetzt Gegenmassnahmen. Die Kantone müssten «viel mehr Energie für Kontrollen verwenden», sagt Cirigliano. Zudem brauche es eine Bundes-Statistik dazu. Und: «Es braucht auch dringend mehr Geld für den Vollzug.» Nötig sei ein klarer Finanzierungsschlüssel, der namentlich den Bund, also das Seco, in die Pflicht nehme. Zudem müssten psychosoziale Erkrankungen endlich als Berufskrankheiten anerkannt werden. Das sei ein wirksames Mittel, weil sich dann die Suva ebenfalls um das Problem kümmere.

Die Situation wird sich wegen der zunehmenden Heimarbeit verschärfen. Home-Office ist aus Arbeitgebersicht ein «lohnendes Geschäft», so das SGB-Papier. Aber es berge hohe psychosoziale Risiken, weil Höchstarbeitszeit oder Pausen noch weniger eingehalten würden. Der SGB verlangt darum, dass die Arbeitszeit auch zu Hause erfasst wird. Mit Smartphones oder Notebooks etwa sei das leicht möglich.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.
Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper