Archie und Harry (siehe Bild) sind Vollblut-Ganoven. Im Film «Tough Guys» überfallen sie noch im hohen Alter einen Zug und sind in eine waghalsige Verfolgungsjagd verwickelt. Hollywood-Fiktion und Realität liegen nicht allzu weit auseinander. In der Schweiz gibt es immer mehr sogenannte graue Verbrecher. Das zeigt die neue eidgenössische Kriminalitätsstatistik.

2013 waren 5308 Tatverdächtige über 60 Jahre alt – fast 15 Prozent mehr als vier Jahre zuvor. Besonders häufig verstossen Senioren gegen das Strafgesetz. Bei der Polizei registriert sind 4511 Vergehen wegen Beschimpfung, Drohung, Betrug, Sachbeschädigung, Tätlichkeit und Ladendiebstahl. Drei Diebe waren beim Streifzug durch die Boutiquen und Supermärkte sogar über 90 Jahre alt. Auch Verkehrsverstösse sind häufig, in der Kriminalitätsstatistik allerdings noch nicht eingerechnet.

«Das Bild des harmlosen Grossvaters stimmt je länger, je weniger», sagt Andreas Walker. Der Zukunftsforscher beschäftigt sich als Co-Präsident des Vereins Swissfuture mit dem Thema Alterskriminalität. «Heute sind Senioren häufig noch fit und viel unterwegs. Das heisst, sie kommen auch eher in Versuchung beispielsweise zu stehlen oder zu schnell zu fahren.»

Als Ursache der steigenden Alterskriminalität sieht Walker neben der Langlebigkeit das wachsende Gefühl der Perspektivlosigkeit und der fehlenden sozialen Einbindung. «Mir eröffneten diverse Seniorinnen, dass sie unlängst ebenfalls den einen oder andern Ladendiebstahl verübt hätten – aus Langeweile und Nervenkitzel.»

Diese Entwicklung stellt auch Florian Albrecht, Kriminologe von der Universität Passau, fest: «Die steigende Alterseinsamkeit und Isolation könnte Einfluss auf die kriminelle Entwicklung alter Menschen haben», sagt Albrecht. Demnach würden einzelne alte Menschen Straftaten begehen, um zumindest mit den Strafverfolgungsbehörden in sozialen Kontakt zu treten und um Abwechslung in ihr oft trostloses Leben zu bringen. Zwischen 50 und 90 Prozent der älteren Beschuldigten gelten als Ersttäter.

Bei der Verurteilung – inklusive Verkehrssünder – waren 2012 genau 6149 Menschen über 60 Jahre alt – vor 20 Jahren waren es noch 1731. Ein Rückgang ist gemäss Zukunftsforscher Walker nicht in Sicht: «Wir sind die zukünftigen Senioren. Wir sind technisch kompetent, gut vernetzt und haben zunehmend ein anderes Verständnis von Eigentum als noch unsere Grosseltern. Gerade Internetkriminalität bis ins
hohe Alter wird zur Realität.»

Aktuell sitzen dreimal so viele ergraute Häftlinge wie vor 25 Jahren hinter Gittern: 146 waren es am Stichtag, und die Nachfrage nach Senioren-Gefängnissen wächst. Die Alterskriminalität trägt jedoch nur einen kleinen Teil dazu bei. Vielmehr erfordern lange Strafen und mehr Verwahrungen zusätzliche Plätze. «Das führt zu immer mehr Betagten im Gefängnis», sagt Bruno Graber. Er ist Leiter des Zentralgefängnisses der JVA Lenzburg AG, in welchem sich der Seniorentrakt 60plus befindet. Die 12 Zellen sind meist belegt. Zwar hat auch die Justizvollzugsanstalt Realta GR eine Altersabteilung, und in Bostadel ZG ist eine weitere geplant, doch die Plätze reichen nicht. Graber schätzt, dass bis zu 80 Plätze künftig schweizweit nötig sein werden. Die genaue Zahl eruiert derzeit eine Fachgruppe.

Seniorentäter kommen in Lenzburg deshalb häufig als Erstes in die normale Abteilung. Das sei den meisten Tätern auch lieber. «Es ist wie in der Freiheit. Dort wollen auch die wenigsten älteren Menschen sich zugestehen, dass sie ins Altersheim gehören», sagt Graber.

Auch im Film gibt es für Archie und Harry kein Happy End. Die Polizei schnappte sie an der Grenze zu Mexiko.

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