Von Thomas Schlittler

Gestern Samstagmorgen, 10.30 Uhr an der Davoser Promenade. Das Weltwirtschaftsforum WEF neigt sich dem Ende zu. Vier Tage lang haben Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik über die drängendsten Probleme diskutiert – auch über die Schere zwischen Arm und Reich. Grosse Worte sind gefallen – doch wie hilfsbereit und solidarisch sind die WEF-Teilnehmer ausserhalb des Kongresszentrums? Ich will es herausfinden und setze mich mit Bettelschild und Pappbecher an den Strassenrand – zwischen dem Luxushotel Belvédère und dem Kongresszentrum.

Ich trage eine alte Trainerhose, Kapuzenpulli, Wollmütze und ausgelatschte Halbschuhe. In den Händen halte ich ein Kartonschild, auf dem mit Grossbuchstaben steht: «MAKE A BETTER WORLD: GIVE ME A PENNY FOR A PIZZA». Den Pappbecher stelle ich vor mir auf den Boden. Eine junge Frau lächelt mich etwas verlegen an und schüttelt entschuldigend den Kopf. Eine ältere Dame verlangsamt ihren Gang und studiert mein Schild. Dann läuft sie weiter, schaut aber noch zwei, drei Mal irritiert zurück. Die meisten Leute gehen an mir vorbei, ohne mich zu beachten.

Nur eine Viertelstunde ist vergangen, da nähert sich auf der anderen Strassenseite ein Polizist in blauer Uniform. Er liest mein Schild, geht dann aber zurück zum Eingang des Kongresszentrums. Zwei Minuten später kehrt er mit drei Kollegen im Schlepptau zurück. Sie sind von der Kantonspolizei Zürich, wie ihre Uniformen verraten. «Haben Sie Hunger?», fragt mich der eine leicht abschätzig. Und sein Kollege sagt: «Stehen Sie bitte mal auf.»

Ich tue, wie mir befohlen, und frage den Wortführer: «Habe ich etwas Falsches getan?» Keine Antwort. Stattdessen erklärt er mir, dass sie eine Personenkontrolle durchführen wollen. «Haben Sie einen Ausweis dabei?» Ich ziehe mein Portemonnaie aus der Hosentasche und gebe ihm meinen Führerausweis. «Bitte leeren Sie Ihre Taschen.» Ich lege mein Portemonnaie, mein Handy, eine Schachtel Zigaretten und den Hausschlüssel auf den Holzsockel, auf dem ich gesessen habe. «Das Handy bräuchte ich auch», sagt mir der Polizist, der bereits meinen Ausweis in der Hand hat. «Wieso?», frage ich. Er: «Wir wollen überprüfen, ob es als gestohlen gemeldet ist.»

Während der eine per Funk meine Personalien prüfen lässt, löchern mich die anderen mit Fragen: «Hatten Sie schon mal Probleme mit der Polizei?» – «Nein.»
«Wo wohnen Sie?» – «In Winterthur.»
«Haben Sie einen Job?» – «Nein, ich bin arbeitslos.»
«Beziehen Sie Sozialhilfe?» – «Nein.»
«Wovon leben Sie dann?» – «Meine Eltern unterstützen mich.»
«Wo leben Ihre Eltern?» – «In der Ostschweiz.»
«Haben Sie mal einen Beruf gelernt?» – «Ich habe einen KV-Abschluss.»

Plötzlich ruft ein Polizist triumphierend dazwischen: «Sie haben ja Geld!» Er hat mein Portemonnaie von vorne bis hinten auseinandergenommen und dabei 40 Franken entdeckt. «Das reicht nicht weit», sage ich. Er: «Zumindest reicht das locker für eine Pizza.»

Ich will mir eine Zigarette anzünden. «Bitte lassen Sie das», sagt mir einer der Polizisten. Während mich drei der vier Herren relativ respektvoll behandeln, ist der vierte auf Angriff aus: «Sind Sie psychisch krank?» – «Nein.»

«Was ist denn sonst los mit Ihnen? Keine Motivation?» – «Ja.»
«Dann sind Sie also doch psychisch krank, oder?» – «Das ist eine Definitionsfrage.»
«Also meiner Meinung nach ist das psychisch krank. Am besten suchen Sie sich einen guten Arzt.»

Nach 10, 15 Minuten sind die Abklärungen per Funk zu Ende. «Alles sauber», sagt der Wortführer und gibt mir den Ausweis zurück. «In Zürich hätten Sie nun eine Anzeige am Hals. Hier in Davos kennen wir aber die Rechtslage nicht. Sie können gehen.» Und dann, in freundlicherem Ton: «Wenn Sie kein Geld haben, sind Sie ja eigentlich ein armer Kerl. Aber betteln ist verboten.»

Sie nehmen mir das Schild und den Pappbecher weg. Geld ist keines zusammengekommen. Ich laufe davon. Mein WEF ist zu Ende.

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