Kindesentführungen sind in der Schweiz keine Seltenheit. 51 Fälle, bei denen ein Elternteil ein Kind illegal ausser Landes schaffte, verzeichnete das Bundesamt für Justiz (BJ) vergangenes Jahr. Das sind fast 20 Prozent mehr als noch 2012. Unverändert ist die Zahl von 37 Kindern, die in die Schweiz verschleppt wurden.

Die Zahlen zeigen aber nur die Spitze des Eisberges. Denn beim Bundesamt sind lediglich jene Fälle aufgelistet, die das Haager Kindesentführungs-Übereinkommen betreffen. Dieses haben praktisch alle Länder in Nordamerika, Südamerika und Europa unterzeichnet. Doch viele Staaten in Afrika, dem Nahen Osten sowie Asien gehören nicht dazu. Deshalb schätzt Rolf Widmer, Direktor des Internationalen Sozialdienstes, dass jährlich doppelt so viele Entführungen stattgefunden haben. «Wir hatten vergangenes Jahr allein mit 100 Müttern oder Vätern zu tun, die ihre Kinder illegal aus der Schweiz mitnahmen oder eine Entführung befürchteten», sagt Widmer.

In der Regel entführen Eltern ihre Kinder nach einer Trennung in ihr Heimatland. Gemäss BJ-Statistik sind in 70 Prozent die Mütter die Entführerinnen. Diese Zahl verzerre jedoch das Bild, sagt Widmer. «Für Entführungen in Länder, wo das Haager Übereinkommen nicht gilt, sind vor allem die Väter die Verantwortlichen.»

Das Gezerre um die Kinder endet oft vor Gericht – und mit der Rückführung der Kinder. «Bis eine solche klappt, dauert es zwischen zwei Wochen und zwei Jahren. Mehrheitlich aber weniger als ein Jahr», sagt David Urwyler vom Bundesamt für Justiz.

20 aus der Schweiz entführte Kinder konnte die Behörde vergangenes Jahr zurückholen. Zwar sind das mehr Kinder als in den Jahren zuvor, doch der Genfer Professor Andreas Bucher steht dieser Entwicklung skeptisch gegenüber. «Viel wesentlicher, als die Rückführungen zu erhöhen, ist das Kindswohl zu berücksichtigen», sagt Bucher. Genau hier sieht Bucher aber Nachholbedarf.

Die Gerichte entschieden bisher grundsätzlich und systematisch gegen den Elternteil, der das Kind entführt hat, und ordneten die Rückkehr an. «Auch wenn die Mütter durch die Entführung falsch gehandelt haben, muss immer die Frage im Mittelpunkt stehen, ob die Rückkehr das Kind nicht in eine unzumutbare Lage bringt», sagt Bucher. Dieser Auffassung ist auch Rolf Widmer, der sich von den Behörden mehr Feingefühl gegenüber den Kindern wünscht. Vor allem, weil Gerichte verpflichtet sind, eine Mediation anzuordnen und die Kinder anzuhören. «Die Richter gehen immer noch von der Vorstellung aus, dass das ohnehin nichts bringt», sagt Widmer.

An der aktuellen Situation wird sich erst etwas ändern, wenn von Seite der Politik Vorstösse eingehen, die eine Durchsetzung des Gesetzes fordern. Davon ist Bucher, Spezialist für internationales Privatrecht, überzeugt.

Hoffnung macht ihm jedoch der Fall der Schweizerin Isabelle Neulinger. Sie war 2005 mit ihrem Sohn vor einem fanatisch religiös gewordenen Ex-Mann aus Israel nach Lausanne geflohen. Zwar ordnete das Bundesgericht die Rückkehr nach Israel an, doch der Europäische Menschengerichtshof in Strassburg legalisierte die Kindesentführung – im Interesse des Kindes.

Fest steht: Eine Entführung ist für die Kinder sehr belastend. «Langfristig sind deshalb Lösungen für das Kind am besten, die über Dialoge oder Mediationen gefunden wurden, auch weil nach einer Rückführung die Probleme in der Regel nicht gelöst sind», sagt Rolf Widmer vom internationalen Sozialdienst.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass es in den nächsten Jahren zu mehr Entführungen kommen wird, sagt Andreas Bucher: «Je mehr binationale Familien es gibt, um so mehr kommt es zu Entführungen, wenn die Familien auseinandergehen.»

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