Wo ist Paul? Seit mehr als einer Woche fehlt vom Fünftklässler aus Gunzgen SO jede Spur. Einzig das Velo des 12-Jährigen wurde im Nachbardorf Härkingen gefunden. Sonst nichts. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen auch wegen Entführung: Diese Woche eröffnete sie ein Verfahren gegen unbekannt.

Entführungen von Kindern sind in der Schweiz keine Seltenheit. Meistens stecken die Mutter oder der Vater dahinter. Anders war dies bei Ylenia. Die 5-Jährige wurde 2007 in Appenzell von einem Mann entführt und ermordet. Ihr Schicksal löste schweizweit grosse Betroffenheit aus und hatte politische Konsequenzen. 2010 führte die Schweiz ein landesweites Alarmsystem bei Kindesentführungen ein.

Das können die Kantonspolizeien auslösen. Allerdings müssen drei Bedingungen erfüllt sein: Es braucht einen begründeten Verdacht; das Kind ist an Leib und Leben bedroht; und es liegen «genügend gesicherte Informationen» vor. Sind diese Vorgaben erfüllt, geht die Alarmmeldung an die Medien, Flughäfen, SBB. Zudem erscheint sie auf Grossbildschirmen und als SMS-Nachricht.

Kritik an Alarmsystem
Bis heute wurde der Alarm aber noch nie ausgelöst. Philipp Maier ist Chef der Schaffhauser Kriminalpolizei und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Entführungsalarm. Er weiss: «In einzelnen Fällen standen einige Polizeicorps kurz davor, den Alarm auszulösen. Es gelang ihnen jedoch, über andere Wege den Täter zu lokalisieren. Zum Beispiel durch eine Handyortung.» Die Alarmauslösung müsse gut durchdacht sein. Die Gefahr könnte sich für das Kind vergrössern, wenn der Entführer durch die plötzliche Öffentlichkeit in Panik gerät.

Auch bei Paul drückten die Behörden nicht den Alarmknopf. Als der Junge verschwand, ging die Polizei nicht von einer Entführung aus. Danach war es zu spät, das Bild vom Gesicht des Buben zirkulierte bereits in den Medien.

Diese Zurückhaltung, wenn es darum geht, den Alarm auszulösen, sorgt für Kritik. «Die Kriterien für einen Alarm sind zu eng gefasst», sagt Guillaume Grand. Er ist Vizepräsident der Stiftung Sarah Oberson. Sarah war eines von mehreren Kindern, die in den 80er-Jahren in der Schweiz spurlos verschwanden. Heute hilft die Stiftung Familien von entführten oder vermissten Kindern. «Sobald die körperliche oder psychische Integrität des Kindes gefährdet ist, sollte es einen Alarm geben.»

Unterstützung erhält die Stiftung aus der Politik. «Der Schutz des Kindswohls muss über allem stehen», sagt Yvonne Feri. Sie ist Präsidentin von Kinderschutz Schweiz und Aargauer SP-Nationalrätin. Feri hätte im Fall Paul, mit ihrem heutigen Wissensstand, den Alarm schon längst ausgelöst. «Wenn Kinder verschwinden, muss alles getan werden, um sie zu finden.» Dass sich im Nachhinein herausstellen kann, dass der Alarm nicht nötig war, nimmt sie in Kauf. Gleich sieht dies der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard. «Das heutige System gewährt keinen Spielraum, beispielsweise wenn ein Kind als vermisst gemeldet wird», sagt er. Das müsse sich ändern. «Schliesslich geht es um das Leben von Kindern.»

In der Tat ist es so, dass ein Alarm heute nicht ausgelöst wird, wenn ein Kind als vermisst gilt. Für Luc Recordon ist dies untragbar. Der grüne Alt-Ständerat aus dem Kanton Waadt hatte deshalb vor zwei Jahren ein Postulat zur Lockerung des Entführungsalarms eingereicht. «Die Kriterien, wann ein Alarm ausgelöst wird, sind viel zu einschränkend», schreibt Recordon.

Diesen Februar nahm der Bundesrat in einem Bericht Stellung dazu. Er hält die strengen Voraussetzungen für die Auslösung des Alarms für angebracht. Sonst könnte die Bevölkerung «alarmmüde» werden, so die Befürchtungen des Bundesrats. Einzige künftige Neuerung: Das Alarmsystem soll auch zum Einsatz kommen, wenn eine erwachsene Person nachweislich entführt wurde.

Kripo-Chef Maier nimmt den Bundesrat in Schutz: «Es braucht unbedingt eine Unterscheidung zwischen entführten und vermissten Kindern. Letztere tauchen meistens innerhalb von ein paar Stunden auf.» Hierfür brauche es andere Instrumente: Ortungssystem für das Handy, genügend technisch und polizeilich versiertes Personal und Spürhunde. «Sind wir auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen, informieren wir die Medien. Durch die Push-Meldungen auf die heutigen Smartphones verbreiten sich die Informationen enorm schnell. Diese Zusammenarbeit klappt ausgezeichnet.»

Stiftung richtet Hotline ein
Wie viele Kinder jährlich in der Schweiz als vermisst gemeldet werden, ist unklar. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) geht von «mehreren tausend Anzeigen pro Jahr» aus. Die Stiftung Sarah Oberson ist derzeit daran, eine Hotline für betroffene Eltern einzurichten. Unter der Nummer 116 000 sollen Familien, die ein Kind vermissen, fachliche Unterstützung erhalten. Und zwar gratis und während 7×24 Stunden. «Diese Nummer ist eine notwendige Ergänzung zum Entführungsalarmsystem», sagt Guillaume Grand. Sie ist bereits in mehreren europäischen Ländern in Betrieb. «Es ist wichtig, dass die Schweiz Teil eines europäischen Netzes wird.»

Erst im Mai haben die EU-Mitgliedstaaten eine bessere Zusammenarbeit bei Noteinsätzen beschlossen und ein einheitliches Warnsystem konzipiert. Denn anders als die Schweiz weiss die EU: 250 000 Kinder werden jährlich als vermisst gemeldet. In 76 Prozent der Fälle, in denen ein Kind entführt und getötet wird, geschieht dies innerhalb von drei Stunden.

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