Sie kennen sich nicht, der Albaner, der als Schmarotzer beschimpft wird, und der Mann, der ihn als solchen bezeichnet. «Die Neger wären mir noch lieber als das Jugopack, das niemand hier benötigt», pöbelt der Unbekannte. Es passiert in einem Schweizer Zug, in aller Öffentlichkeit, und es ist nur einer von vielen Fällen, mit denen sich Beratungsstellen für Rassismusopfer 2013 auseinandergesetzt hat. Der Schweizer mit dunkler Hautfarbe, der auf der Baustelle so lange von Skinheads bedrängt wurde, bis er kündigte, gehört ebenso dazu wie der Mann von der Elfenbeinküste, der an einer Weiterbildung zu hören bekam, dass Schwarze stinken.

Mehr als jeder dritte Afrikaner in der Schweiz gibt an, in den letzten fünf Jahren rassistische Erfahrungen gemacht zu haben. Das zeigen neue Zahlen aus dem Integrations-Monitoring des Bundes. Ähnlich erging es Bürgern aus den Ländern Ex-Jugoslawiens, der Türkei und Albanien. 28,6 Prozent von ihnen gaben zu Protokoll, wegen Herkunft, Religion oder Ethnie diskriminiert worden zu sein. Von den hier lebenden Ausländern aus westeuropäischen Staaten bejahte jeder sechste die Frage nach negativen Erfahrungen. Auch 6,9 Prozent aller Schweizer sind gemäss eigenen Angaben Opfer diskriminierender Behandlung geworden. Männer sind öfter betroffen: 23,7 Prozent der ausländischen Männer und 17,6 Prozent der Frauen fühlten sich mindestens einmal unfair behandelt.

Dass Afrikaner besonders oft auf Ablehnung stossen, erstaunt Ueli Mäder, Soziologe an der Universität Basel, nicht. «Die afrikanische Bevölkerung ist seit über fünfhundert Jahren negativ stigmatisiert», sagt er. «Afrika erscheint auch in vielen Schulbüchern als dunkler Kontinent.» Bilder von dämonisierten Einheimischen wirkten nach.

Am häufigsten geschehen Diskriminierungen gemäss den Zahlen des Bundes dann, wenn Ausländer etwa eine Wohnung wegen ihres Nachnamens nicht erhalten oder reihenweise Absagen auf Bewerbungen kassieren. Drei Viertel der von Diskriminierung betroffenen Ausländer kennen solche Situationen. Über die Hälfte der Rassismus-Opfer berichtet zudem von Benachteiligungen im sozialen Bereich. Dazu gehört der verweigerte Eintritt im Ausgang genauso wie die Beschimpfung im Zug. Jeder dritte Ausländer mit Rassismus-Erlebnissen gibt als Quelle zudem eine öffentliche oder staatliche Institution an, also Ämter oder auch die Armee. «Diese Einrichtungen reproduzieren einseitige Sichtweisen», sagt Soziologe Mäder. «Sie stützen ein wirtschaftliches Gefüge, das afrikanische Länder benachteiligt.»

Im internationalen Vergleich steht die Schweiz weder besonders gut noch besonders schlecht da, wie Zahlen der EU zeigen. In einer 2011 veröffentlichen Studie gaben europaweit 41 Prozent der Afrikaner an, in den letzten fünf Jahren diskriminiert worden zu sein. Während Einwohner aus dem ehemaligen Jugoslawien in Deutschland etwa einen Viertel weniger negative Erfahrungen machen als ihre Landsleute in der Schweiz, werden die in der EU-Statistik separat ausgewiesenen Türken im nördlichen Nachbarland öfter diskriminiert als hierzulande. Zu den häufigsten Opfern gehören in Europa die Roma, die in Tschechien, in Ungarn, Polen und Lettland in über der Hälfte aller Fälle von Rassismus berichten. Auf grosse Ablehnung stossen auch Albaner in Italien oder Türken in Holland. Insgesamt weist die EU einen Wert von 30 Prozent Betroffenen über alle Ausländergruppen und Länder aus – mehr als in der Schweiz, wo der Wert bei knapp über 20 Prozent liegt.

Die Angst vor dem Fremden, sie spielt aber auch hierzulande eine Rolle. «Rassistische Übergriffe sind in vielen Lebensbereichen sichtbarer geworden», sagt Soziologe Hector Schmassmann von der Universität Basel. Auch der politische Ton gegenüber Minderheiten und Ausländern habe sich verschärft, die soziale Ungleichheit in der Wohnqualität und in den Ausbildungsmöglichkeiten sei angestiegen. «Wer von der Hautfarbe, dem Aussehen und Verhalten nicht in ein europäisches Bild passt», sagt Schmassmann, «der hat es schwierig.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper